Linguistik online1, 1/98

 
 
 


Rezension zu:
Gisela Schoenthal (Hrsg.): Feministische Linguistik - linguistische Geschlechterforschung. Ergebnisse, Konsequenzen, Perspektiven.
Hildesheim/Zürich/New York: Olms, 1998 (Germanistische Linguistik 139-140)
 

von Antje Hornscheidt

 Der von der Linguistin Gisela Schoenthal herausgegebene Band, eine Doppelnummer der Zeitschrift Germanistische Linguistik, ist inhaltlich zweigeteilt: Dem ersten Teil „Feministische Sprachkritik" gehören fünf, dem zweiten Teil „Geschlechtstypisches Kommunikationsverhalten" acht Artikel und eine Rezension an. Vorangestellt ist eine Einleitung der Herausgeberin, und auch beide Teile beginnen jeweils mit einem Artikel von ihr.

Quantitativ nehmen Themen zur Gesprächsforschung in der linguistischen Geschlechterforschung einen weitaus größeren Raum als Themen zum Sprachsystem und zur Sprachkritik ein, was sich auch in diesem Band widerspiegelt. Gänzlich fehlen Artikel zu Textanalysen zur linguistischen Geschlechterforschung, die sich gerade in letzter Zeit neuerer textanalytischer Methoden (vor allem aus der Kritischen Diskursanalyse kommend) bedienen und ein weiterer wichtiger Bereich feministischer Linguistik sind. Der einen Überblick suggerierende Titel des Bandes ist insofern etwas irreführend.

Die Artikel des ersten Teils beleuchten feministische Sprachkritik aus zwei verschiedenen Perspektiven: Zum einen differenzieren sie regional zwischen verschiedenen deutschen Sprachräumen (westliche deutsche Bundesländer, östliche deutsche Bundesländer, Österreich und Schweiz), zum anderen versuchen sie sich in einem historischen Resumee, indem sie die Ergebnisse und Wirkungen feministischer Sprachkritik für die oben genannten Sprachräume zusammenfassen wollen.

Der erste Artikel dieser Gruppe zur feministischen Sprachkritik in den westlichen Bundesländern von Gisela Schönthal ist zugleich eine Einführung in Grundthesen und Wirkungsweisen feministischer Sprachkritik generell, welche sie mit Beispielen aus dem westdeutschen Raum untermauert. Er kann als Überblicksartikel gelesen werden, dem dadurch leider in einigen Teilen die Tiefenschärfe zur spezifischen Situation in Westdeutschland fehlt. Besonders die Abschnitte zur Rezeption feministischer Sprachkritik in den alten Bundesländern ist zu kurz, um einen detaillierten Überblick über den heutigen Stand bieten zu können.

Der Artikel von Gisela Trempelmann untersucht den heutigen Sprachgebrauch in den neuen deutschen Bundesländern unter dem Einfluß feministischer Sprachkritik - ein Thema, welches bisher in der Linguistik nur sehr wenig Beachtung gefunden hat. Sie greift dafür hauptsächlich auf schriftsprachliches Material aus den Medien zurück. Leider sind die von ihr angeführten Beispiele weder systematisch geordnet noch unbedingt repräsentativ, so daß ihre Hypothesen nicht belegt sind und ihren Artikel damit unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten wenig brauchbar erscheinen lassen.

Ursula Doleschal analysiert Entwicklung und Auswirkungen der feministischen Sprachkritik in Österreich seit 1987, welches sie als „historischen" Ausgangspunkt ansieht, da in diesem Jahr die ersten Empfehlungen zum nicht-sexistischen Sprachgebrauch in Österreich veröffentlicht wurden. Um den Stand und die Entwicklung der sprachlichen Gleichbehandlung zu analysieren, hat sie ein Korpus von Texten aus dem öffentlichen Diskursraum (unterteilt in Printmedien, mündlichem Sprachgebrauch in den Medien, Belletristik und universitärem Sprachgebrauch) auf referenzsemantische Relationen hin analysiert. Für die Analyse von Gesetzestexten hat sie keine systematische Korpuserstellung gewählt, sondern gibt lediglich stichprobenartige Beispiele, die somit nicht repräsentativ sein müssen. Auch das Korpus der verwendeten Romane und Erzählungen kann nicht als repräsentativ angesehen werden. Am detailliertesten ist ihre Analyse der Zeitschrift der Wirtschaftsuniversität Wien, deren sprachliche Entwicklung zu geschlechtergerechtem Sprachgebrauch sie in fünf Phasen gliedert. Doleschal stellt fest, daß sich in den Printmedien eine sprachliche Gleichbehandlung noch nicht durchgesetzt hat. Ihr Artikel gibt insgesamt einen guten Überblick über aktuelle Tendenzen der Auswirkungen der feministischen Sprachkritik in Österreich.

Der Artikel von Peyer und Wyss zu Stand und Auswirkungen feministischer Sprachkritik in der Schweiz ist sehr gut strukturiert und informativ: Zunächst gehen die Autorinnen auf die öffentliche Diskussion zu Sprachveränderungstendenzen und -strategien ein, die sie sehr differenziert vorstellen, danach geben sie die Ergebnisse einer eigenen Umfrage unter Schüler/inne/n und Student/inn/en wider, bei denen die Einstellungen zum nicht-sexistischen Sprachgebrauch abgefragt wurden. Ihre differenzierten Ergebnisse bieten eine fundierte Grundlage dafür, feministische Sprachveränderungsstrategien neu zu überdenken.

Der fünfte Artikel des ersten Teils von Frank-Cyrus und Dietrich thematisiert zwei Gutachten der Gesellschaft für deutsche Sprache für das Bundesministerium der Justiz zu der Frage, wie Gesetze geschlechtergerecht gestaltet werden können. Der Artikel, von zwei Mitarbeiterinnen der Gesellschaft für deutsche Sprache, die für die Gutachten mitverantwortlich sind, verfaßt, gibt einen umfassenden Überblick über die vorhandenen Richtlinien im deutschsprachigen Raum und rechnet diese inhaltlich sehr übersichtlich verschiedenen Modellen einer feministischen Sprachveränderung zu. Leider fehlt ihm an manchen Stellen eine kritischere Perspektive, was die Wirkungsweise generischer Maskulina betrifft. So wird nicht an die Ergebnisse von Perzeptionsstudien zur mit generischen Maskulina verbundenen Wahrnehmung angeknüpft.

Obwohl die Titel der Artikel des ersten Teils einen Überblick über den aktuellen Stand der nicht-sexistischen Sprachveränderung im deutschsprachigen Raum versprechen, ist dies durch die qualitative Heterogenität der Artikel nicht zufriedenstellend gegeben. Positiv hervorzuheben ist der Artikel von Peyer und Wyss zur Situation im deutschsprachigen Teil der Schweiz, der in seiner Struktur und inhaltlichen Präzision gut als Vorbild für die Artikel zu den anderen deutschsprachigen Ländern und Regionen hätte genommen werden können. Auch die Übersicht über Richtlinien zur Vermeidung sexistischer Sprache im deutschsprachigen Raum in dem Artikel von Frank-Cyrus und Dietrich bietet insgesamt eine hilfreiche Übersicht.

Der zweite Teilband konzentriert sich auf Studien zum geschlechtstypischen Kommunikationsverhalten. In einem historischen Abriß versucht Schoenthal in ihrem Einführungsartikel die Anfänge entsprechender Untersuchungen zu rekonstruieren und geht dabei auf wichtige theoretische Schulen innerhalb dieser Forschungsrichtung, die Defizit- und Differenz- sowie die Zwei-Kulturen-Theorie, ein. Im zweiten Teil gibt sie einen Überblick über entsprechende Forschungen, wobei sie sich auf die Ergebnisse auf dem deutschsprachigen Raum unter Erwähnung von anglo-amerikanischer Studien beschränkt. Sie konzentriert sich hierbei besonders auf den ‚doing-gender‘-Ansatz. Sowohl ihr historischer Abriß als auch die Diskussion des aktuellen Forschungsstandes spart allerdings poststrukturalistische linguistische Forschungen zu Geschlecht und Kommunikation (beispielsweise aus der Kritischen Diskursanalyse kommend) ebenso wie neuere ethnolinguistische und Forschungen aus der sog. ‚Queer linguistics‘ vollkommen aus und favorisiert implizit Ansätze, die von einer Dichotomie in biologisches und soziales Geschlecht ausgehen. Im dritten Teil ihres Artikel, der sich auf die Frage des feministischen Zusammenhangs entsprechender Untersuchungen bezieht, setzt sie feministisch-linguistische Forschungen „neutralen" Perspektiven gegenüber, was weit hinter die Erkenntnisse nicht nur feministischer Wissenschaftskritik zurückfällt. Aus diesen Gründen vermittelt ihre Einführung in die Forschungen zum geschlechtstypischen Kommunikationsverhalten ein ungenügend differenziertes Bild sowohl der feministisch-linguistischen Ansätze als auch ihrer Differenzen, was für einen als Übersicht angelegten Artikel sehr ärgerlich ist.

Im Gegensatz zu der inhaltlichen Strukturierung des ersten Teils ist der zweite Teil nach dem Einführungsartikel von Schoenthal alphabetisch geordnet, eine inhaltliche Strukturierung wäre möglich und auch sinnvoll gewesen. So behandeln mehrere Artikel des zweiten Bandes das Thema Gesprächsverhalten am Arbeitsplatz (Baron, Thimm und Sachweh), zwei Artikel beschäftigen sich mit Elementen der Scherzkommunikation (Keim und Kotthoff), einer geschlechtsspezifische Kommunikation in Medieninterviews (Kowal et al.) und einer kindliches Kommunikationsverhalten (Fuchs). Die Artikel werden im folgenden in dieser inhaltlichen Reihenfolge besprochen.

Baron analysiert öffentliche wissenschaftliche Gespräche unter Expert/inn/en auf Tagungen und Kolloquien. Ausgehend von linguistischen Untersuchungen zum Wissenschaftsstil sieht sie in dem Gesprächsverhalten von Frauen und Männern eine schwache These der Zwei-Kulturen-Theorie bestätigt, daß Frauen qua ihrer Sozialisation im Kindes- und Jugendalter im Diskursbereich Hochschule schlechtere Chancen des Durchsetzens besitzen als Männer. Die als Nachteile in diesem Bereich bewerteten Charakteristika des weiblichen Stils sieht sie als historisch gewachsen an. Baron sieht Wissenschaftlerinnen in dem double-bind gefangen, daß die Aufgabe des weiblichen Stils einhergehen würde mit dem Vorwurf der Unweiblichkeit. Ihr Artikel liefert zahlreiche Anstöße für weitere Untersuchungen in diesem sensiblen Berufsbereich, die sicherlich in größerem Detail die Interdependenzen von Stil und Geschlecht mit weiteren Faktoren untersuchen müßten.

Thimm hat in ihrer Studie das Kommunikationsverhalten am Arbeitsplatz durch entsprechende Rollenspiele (Chef/in - Sekretärin) untersucht. Sie hat eine stereotype Situation verwendet, in der die statusmäßig untergeordnete Person jeweils durch eine Frau gespielt wird, die statusmäßig übergeordnete Person entweder durch eine Frau oder durch einen Mann. Ausgewertet wird das Kommunikationsverhalten der vorgesetzten Person in zwei unterschiedlichen Settings und dies jeweils geschlechtsspezifisch. Daß es sich einmal um eine eingeschlechtliche, einmal um eine gemischtgeschlechtliche Kommunikationssituation handelt, ist bei der Analyse nicht weiter berücksichtigt worden, was als ein weiterer, das Kommunikationsverhalten mit beeinflussender Faktor aber durchaus notwendig gewesen wäre. Ein interessantes Ergebnis ihrer Studie ist - trotz der zuvor benannten Einschränkungen - die Feststellung, daß verschiedene, traditionell als weiblich resp. männlich assoziierte Gesprächsstile von beiden Geschlechtern in kontextueller und situativer Abhängigkeit eingesetzt werden. Im Ausblick ihres Artikels schreibt Thimm die typisch weiblichen Gesprächsstile allerdings wieder einem weiblichen Essentialismus zu: Frauen würden ihre Fähigkeiten nicht herausstellen und hätten weniger offensiv-positive Beziehung zu der Rolle einer Chefin, was sie letztendlich daran hindere, Führungspositionen einzunehmen. Die zuvor von Thimm als Projektion gesellschaftlicher Rollenklischees analysierte Geschlechtstypik wird hier von ihr selber wieder reproduziert. Teile des Artikels von Thimm zur Kommunikation am Arbeitsplatz gehen zudem auf ihre Veröffentlichungen von 1995 und vor allem Thimm/Ehmer 1997 zurück, teilweise identisch formuliert, so daß es hier zu unnötigen Verdoppelungen in den Publikationen gekommen ist, die wegen der ungeheuren Informationsflut im wissenschaftlichen Bereich sinnvoll zu vermeiden wären.

Sachweh analysiert in ihrem Artikel das Gesprächsverhalten von Altenpfleger/inne/n als eine bisher wenig untersuchte Gesprächssituation. Sie kommt zu dem übergreifenden Ergebnis, daß neben dem Faktor Geschlecht andere Faktoren wie u.a. Alter, Gesprächssituation und Traditionen für das Gesprächsverhalten bedeutsam sind. Ihre quantitativ angelegte Studie nährt Geschlechtsrollenstereotype, die durch ihre Analyse weiter verfestigt werden. So begründet sie das in ihrer Interpretation emotionalere Reden der weiblichen Pflegekräfte mit ihren Erfahrungen des Mutter-Seins, was Frauen wiederum einseitig auf eine bestimmte Rolle und ein bestimmtes Handlungsschema festlegt.

Keim analysiert Werbeverhalten vor dem Hintergrund, daß die daran beteiligten Personen aus verschiedenen sozialen Gruppen stammen, was, so ihre Hypothse, Einfluß auf ihre Stilistik hat. Bisherige Untersuchungen haben diesen Faktor zugunsten der ausschießlichen Betrachtung der Faktoren Geschlecht und Alter außer acht gelassen. Auch sie präsupponiert - wie die vorhergehenden und von ihr zitierten Flirt-Forschungen - ein exklusiv heterosexuelles Deutungsmuster, so daß die von ihr untersuchten Situationen jeweils aus der Unterstellung eines erotischen Spannungsverhältnisses zwischen Frau und Mann leben. Eingeschlechtliche Gesprächssituationen mit ähnlichen Alters- und Sozialdifferenzen werden von ihr nicht unter dem Aspekt des Flirtens wie auch die untersuchte Konstellation nicht unabhängig davon betrachtet. Keim reproduziert damit Stereotype heterosexueller Kontaktaufnahme und interpretiert diese als unhinterfragt erotisch konnotiert. Meines Erachtens handelt es sich hier möglicherweise um eine unreflektierte Interpretation von Verhalten, die auch ganz anders hätten interpretiert werden können, wie z.B. Cameron (1997) anschaulich durch die ‚Re‘interpretation einer Gesprächsanalyse eines Studenten von ihr gezeigt hat. Keims Analyse der mit der Situation verbundenen sozialstilistischen Unterschiedlichkeit ist unabhängig davon aber als sinnvolle Ergänzung bisheriger Untersuchungen anzusehen.

Kotthoff geht in ihrem Beitrag auf Faktoren der Scherzkommunikation ein, die auch bei Keims Analyse eine Rolle gespielt haben. Kotthoff verfolgt in ihrem Artikel die These, daß Scherzkommunikation auf eigene Kosten nicht zu Imageverlust führen muß, sondern sehr bewußt eingesetzt sein kann, um andere Dimensionen des eigenen Image besonders zu betonen. Die Beispiele ihres Artikels sind gut gewählt und sorgfältig analysiert, so daß ihre These schlüssig wirkt. Erst in ihren Schlußbemerkungen kommt sie jedoch auf den auch eingangs erwähnten Faktor Geschlecht bei der Scherzkommunikation auf eigene Kosten zurück und postuliert einen unterschiedlichen Umgang der Geschlechter. Dies ist jedoch aus ihren vorhergehenden Analyse weder quantitativ (auch wenn die meisten Beispiele die Selbstbewitzelung von Frauen zeigen, macht sie keine Aussagen darüber, ob die Auswahl repräsentativ für ihr Korpus ist) noch qualitativ deutlich geworden. Der Artikel bietet insgesamt einen fundierten Einblick in Aspekte der Scherzkommunikation und zeigt die detaillierten Kenntnisse der Autorin zu diesem Thema.

Der Artikel von Kowal et al. beginnt mit einem kurzen und übersichtlichen Abriß der Forschungslage, hier zur Geschlechtsspezifik von Unterbrechungen. Eine Auswertung der bisherigen Untersuchungen deutet darauf hin, daß nicht pauschal von Unterbrechungen als einer dominanten Form männlichen Gesprächsverhaltens gesprochen werden kann, wie es jedoch im öffentlichen Bewußtsein immer wieder angenommen wird. Darüber hinaus schließen sie sich der Kritik an, daß bisherige Untersuchungen sowohl methodische als auch inhaltliche Mängel aufweisen und führen ausgehend davon ihre eigene Untersuchung von Unterbrechungen in Medieninterviews mit Politiker/inne/n ein, die sie in dem Artikel vorstellen. Sie beschränken sich in ihrer Untersuchung auf die Analyse von Interviews in Zweierkonstellationen, die sie zunächst statistisch mit besonderer Berücksichtigung des Faktors Geschlecht analysieren. Doch weder in ihrer quantitativen noch in ihrer qualitativen Auswertung von unterschiedlichen Motivationen für Unterbrechungen können sie geschlechtsspezifische Unterschiede ausmachen, so daß sie zu der These kommen, daß in den von ihnen untersuchten Gesprächskonstellationen und -situationen andere Faktoren wie Status und Individualität möglicherweise eine größere Rolle in der Frage danach spielen, wer wen unterbricht. Vollkommen außer acht lassen sie dabei sowohl kulturelle Fragen - auch ihre Untersuchung umfaßt Interviews aus dem deutschsprachigen und U.S.amerikanischen Raum, so daß auch hier kulturelle Unterschiede in der Analyse berücksichtigt werden müßten - als auch vor allem die Wirkung eines vielleicht ‚faktisch‘ identischen Gesprächsverhaltens, wie dies z.B. von Frank (1992) gefordert wird. Ihre Forderung einer „ernst zu nehmenden Forschungstradition", die sie in ihrem letzten Satz postulieren und mit der sie älteren Forschungen pauschal ihre Relevanz absprechen und sie nicht in ihrem historischen Kontext verstehen, können sie meines Erachtens somit vor allem auch auf sich selbst kritisch anwenden.

Fuchs untersucht die Aushandlung von Geschlechtscharakteren, initiiert durch geschlechtsrollenstereotype Phantasiereisen für Mädchen und Jungen einer ersten Grundschulklasse. Sie will herausfinden, wie Aneignungsprozesse einer geschlechtlichen Identität vonstatten gehen und hofft, daraus Ansatzpunkte für pädagogisches Handeln entwickeln zu können. Der direkte Vergleich der Gespräche der Mädchen und Jungen über ihre Phantasiereisen erscheint mir unangemessen: In der ‚männlichen‘ Phantasiereise kommen ausgeprägte, mit Eigennamen bedachte männliche Individuen vor, in der ‚weiblichen‘ Phantasiereise Puppen beiderlei Geschlechts, die nicht weiter individualisiert sind. Vom Setting her sind so verschiedene Handlungsvorgaben gegeben, die in der Interpretation von Fuchs nicht genügend berücksichtigt werden. Interessant ist ihr Hinweis darauf, daß die Geschlechtsrollenaneignung in den von ihr analysierten Gesprächsausschnitten nicht bruchlos ist. Ihre Untersuchung bietet in diesem Bereich Hypothesen für weitere Forschungen zur sprachlichen Geschlechtsrollensozialisation.

Der zweite Teil des Bandes repräsentiert in der Vielseitigkeit der Themensetzungen die Bandbreite möglicher Forschungsvorhaben zum geschlechtstypischen Kommunikationsverhalten, zeigt aber gleichzeitig auch, wie stark methodische Mängel in diesem Bereich noch sind und wie weit die deutschsprachige Forschung, nicht zuletzt auch durch die fehlende, ausreichende Institutionalisierung entsprechender Forschung, hinter internationalen Standards, vor allem U.S.amerikanischer Forschung, zurückfällt.

Ärgerliche Punkte der formalen Struktur des Bandes ist die Uneinheitlichkeit des Layouts (Formen der Zitierweise, Bibliographien nach den Artikeln!) sowie die uneinheitliche Verwendung von vorangestellten Abstracts, Einleitungen etc. und die unzureichende Redigierung (Fehlen von Literaturangaben aus dem Text in der Bibliographie, uneinheitliche Nennungen in der Bibliographie, siehe vor allem Thimm, sehr viele Tippfehler, die beim sorgfältigen Redigieren zu einem Großteil sicherlich hätten behoben werden können). Sie alle erschweren das Lesen und lassen den Band in seiner Gesamterscheinung eher nachlässig wirken, was sich bei der Relevanz des Themas in der öffentlichen Rezeption negativ auswirken kann.

Der Band ist mit DM 78,- sehr teuer und als Einführungslektüre für Studierende, die sich mit feministischer Linguistik - linguistischer Geschlechterforschung auseinandersetzen wollen, nicht zu empfehlen. Dazu fehlen theoretische und methodische Reflektionen und Einordnungen der Artikel sowie vor allem für den ersten Teil die Rezeption anglo-amerikanischer Untersuchungen, die aus verschiedenen Blickwinkeln ein kritisches Licht auf feministische Sprachkritik werfen (s. z.B. Pauwels 1998, Ehrlich/King 1994, Cameron 1995/1998). Für den Stand besonders deutschsprachiger Forschung zur Feministischen Linguistik ist er jedoch relativ repräsentativ.
 

Referierte Literatur

Cameron, Deborah 1997: "Performing gender identity: Young men’s talk and the construction of heterosexual masculinity". In: Meinhof, Ulrike Hanna und Sally Johnson (Hrsg.): Language and masculinity.Cambridge/Mass (Blackwell), 47-64

Cameron, Deborah 1992/1998: "Lost in translation: Non-Sexist language". In: Trouble & Strife 32, reprinted in: Cameron, Deborah (ed.) 1998: The feminist critique of language. A reader, London/N.Y. (2nd edition, Routledge), 155-163

Ehrlich, Susan und Ruth King 1994: "Feminist meanings and the (de)politicalization of the lexicon". In: Language in Society 23, 59-76

Frank, Karsta 1992: Sprachgewalt: Die sprachliche Reproduktion der Geschlechterhierarchie. Elemente einer feministischen Linguistik im Kontext sozialwissenschaftlicher Frauenforschung. Tübingen (Niemeyer).

Pauwels, Anne 1998: Women changing language. London (Longman)

Thimm, Caja 1995: "Durchsetzungsstrategien von Frauen und Männern: Sprachliche Unterschiede oder stereotype Erwartungen?" In: Heilmann, Christa, M. (Hrsg.): Frauensprechen Männersprechen. Geschlechtsspezifisches Sprechverhalten. München/Basel (Sprache und Sprechen 30: Ernst Reinhardt Verlag), 120-129

Thimm, Caja und Heidi Ehmer 1997: "Strategic interaction at the work-place: How men and women deal with power differences". In: Braun, Friederike und Ursula Pasero (Hrsg.): Kommunikation von Geschlecht - Communication of Gender, Pfaffenweiler (Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung Kiel Band 4: Centaurus), 302-319