Linguistik online 9, 2/01

Rezension zu

Ulrike A. Kaunzner (1997): Aussprachekurs Deutsch. Ein komplettes Übungsprogramm zur Verbesserung der Aussprache für Unterricht und Selbststudium (mit 6 CDs). Heidelberg.

Text- und Übungsbuch: 183 S., ISBN 3-87276-809-3, DM 28;

CDs: Gesamtlaufzeit ca. 6' 32'', ISBN 3-87276-477-2, DM 138.

Torsten Leuschner / Jeroen Van Pottelberge (Gent)



Zwar hat die Zahl der neu erscheinenden Lehrmaterialien für Deutsch als Fremdsprache in den letzten Jahren erfreulich zugenommen, modern konzipierte und ansprechend gestaltete Aussprachekurse bleiben aber Mangelware. Der vorliegende Aussprachekurs Deutsch von Ulrike A. Kaunzner (fortan: K.) bietet - wie die Autorin selbst zu Recht bemerkt (S.i) - das derzeit umfangreichste Übungsangebot zur deutschen Aussprache mit Aufnahmen überhaupt. Er wurde an der Universität Bologna im Rahmen eines Lingua/Sokrates-Programms der Europäischen Union entwickelt (ebd.), ist aber muttersprachenunabhängig und wendet sich sowohl an Lerner des Deutschen als Fremdsprache als auch an Muttersprachler, die im Selbstunterricht "dialektbedingte Ausspracheprobleme" korrigieren wollen (ebd.). K. zufolge lässt sich das Werk übrigens nicht nur als Kurs verwenden, sondern kann ebenso gut als "Übungskatalog" betrachtet werden, "aus dem Lehrer und Lerner die für sie jeweils zutreffenden Übungen herausgreifen" können (ebd.).

Das Buch beginnt mit einer Kurzanleitung für die Arbeit mit dem Kurs, einem Kapitel über die methodisch-didaktischen Prinzipien, nach denen er aufgebaut ist, und einer Übersicht über das deutsche Lautsystem. Es folgen sieben Übungsabschnitte über die Vokale, drei über die Diphthonge, drei über die Stimmeinsätze (einschließlich H), zwei über "nicht akzentuierte vokalisierte Endungen" (d.h. schwachtoniges E und vokalisiertes R), vier über die Konsonanten und sechs über die Konsonatenverbindungen. Diese Abschnitte enthalten jeweils Beschreibungen der behandelten Laute einschließlich der dazugehörigen (leider schlecht unterscheidbaren) Sagittalschnitte sowie eine Reihe von Nachsprechübungen mit Einzelwörtern, Minimalpaaren, Wortgruppen und kleinen Texten. Es folgen drei Übungsabschnitte über Wortgrenzen und drei über prosodische Merkmale (Wortakzent, Satzakzent, Intonation), neun Dialoge zur Illustration der Intonationsmuster sowie vier Sprechbeispiele aus dem Alltag (Vortrags-, Nachrichten-, Interview- und Gesprächsstil), die z.T. aus dem Rundfunk stammen, z.T. während der Proben zu den CD-Aufnahmen mitgeschnitten wurden. Das Buch endet mit einem Glossar von Wörtern, die nicht zum Grundwortschatz gehören und in den Übungen mit einem Stern markiert sind.

Die Übersicht zeigt: K.s Aussprachekurs Deutsch kommt dem Anspruch, ein "komplettes Übungsprogramm" (Untertitel) zu bieten, weit näher als jedes andere bisher existierende Werk zur deutschen Aussprache. Besonders die gründliche Behandlung der Prosodie ist in dieser Hinsicht hervorzuheben. Ungewohnt ist, dass (entgegen jeder Progression) gleich als allererstes die E-Laute mit ihren fünf Varianten behandelt werden; positiv zu vermerken ist, dass bei den Vokalen immer auch die kurzen geschlossenen Varianten mitbehandelt werden. Dennoch erfüllt auch K.s Werk die selbstgesetzten Anforderungen nicht ganz, denn für [l], [m] und [n] gibt es kein separates Übungsangebot. K.s Begründung, dass "diese Laute normalerweise keinerlei Ausspracheprobleme darstellen" (S.6), ist zumindest für [l] nicht stichhaltig, denn z.B. für Lerner mit englischer oder niederländischer Artikulationsbasis (die auch das sog. 'dunkle', d.h. Zungenblatt- oder velarisierte L enthält) bietet das sog. 'helle', d.h. stets nur mit der Zungenspitze realisierte, nicht-velarisierte L des Deutschen sehr wohl Probleme. Außerdem fungieren [l], [m] und [n] im Deutschen im Gegensatz zu anderen Sprachen häufig als silbische Konsonanten. K. weist zwar im Zusammenhang mit den nicht akzentuierten Endungen -el, -eln, -en (S. 58ff.) auf den silbischen Gebrauch hin, in einem Kapitel über [l], [n] und [m] hätten der silbische und der nicht-silbische Gebrauch jedoch systematisch dargestellt werden können. Leider bleiben bei K. auch einige wichtige Besonderheiten der Aussprache unerwähnt, die sich nicht zuletzt aufgrund des Schriftbildes geltend machen. K. gibt u.a. als Grundregel, dass betonte Vokale kurz und offen seien, wenn sie in geschlossener Silbe stünden und nicht auf eine offene zurückgeführt werden könnten (S. 13). Diese Regel weist aber viel zu viele Ausnahmen auf, um sinnvoll zu sein (z.B. die langen Vokale in geschlossener Silbe in Ton, Ozean, Phantom, Kran u.v.a.). Auch die komplementäre Regel, dass betonte Vokale in offenen Silben lang und geschlossen seien (ebd., Beispiel: das U in besuchen), hat viele Ausnahmen, die man dann ebenfalls erwähnen müsste (das E in sprechen, das O in kochen, das A in lachen usw.). Die Grundregel für die Vokalquantität in betonter Stellung ist vielmehr, dass betonte Vokale kurz sind, wenn zwei oder mehr Konsonantenbuchstaben folgen. Zwar ist dann immer noch auf Ausnahmen hinzuweisen (z.B. der lange Vokal in Obst, nach, Buch, Gespräch usw., der kurze in im, zum, ob usw.), aber es wäre wenigstens klar, dass man die Quantität des betonten Vokals grundsätzlich anhand der Zahl der Konsonanten im Schriftbild bestimmt; nur so lässt sich übrigens die Funktion der Konsonantenverdoppelung im Deutschen erfassen, die ja nicht (wie z.B. im Finnischen und im Polnischen) die Länge des Konsonanten bezeichnet, sondern den vorangehenden Vokal als kurz und offen ausweist. Ebenfalls außer Acht bleiben bei K. so wichtige, zum Grundwortschatz gehörende Ausnahmen wie etwa vierzehn , vierzig , wo <ie> entgegen der Hauptregel kurz und offen ausgesprochen wird. Positiv zu vermerken ist die gelungene Auswahl des Wortschatzes, der zugleich breit, relevant und natürlich ist (u.a. um Nonsenswörter zu vermeiden, S. 6), und dass die Betonung im Zusammenhang mit der Wortbildung geübt wird (S. 137ff.). Dadurch kann im Unterricht zumindest ansatzweise auf die Bezüge der Phonologie zu anderen Regelmäßigkeiten der Sprache eingegangen werden, was z.B. bei der Aussprachearbeit mit Germanistikstudenten hilfreich ist.

Zu begrüßen ist, dass K. in ihrem gesamten Übungsbuch die phonetischen Transkriptionszeichen der IPA verwendet. Unklar ist aber, nach welcher Konvention sie sich dabei genau richtet. Sie selbst behauptet, der Norm des Duden Aussprachewörterbuchs und des Großen Wörterbuchs der deutschen Aussprache (Leipzig, 1982) zu folgen (S. 5). Letzteres scheint für sie die wichtigere Autorität gewesen zu sein, denn aus dem Großen Wörterbuch stammt u.a. die Transkription der Diphthonge ([ao], [ae] und ) sowie die Aussprache der Präfixe er-, ver-, zer- als , bzw. , wo Duden (auch in der jüngst erschienenen 4. Auflage) , bzw. vorschreibt. Abweichend vom Großen Wörterbuch transkribiert sie das nicht-silbische vokalisierte R dann aber (wie im Duden) mit einem nach unten offenen Bogen (z.B. in Vorsicht ) und nicht (wie im Großen Wörterbuch) mit einem hochgeschriebenen . Eine klare Entscheidung zugunsten des Duden wäre aus zwei Gründen vorzuziehen: zum einen, weil das Große Wörterbuch der deutschen Aussprache ohnehin längst nicht mehr erhältlich ist, und zum anderen, weil Lehrende und Lernende die Aussprache und Transkription der Wörter dann verlässlich an einem einzigen Nachschlagewerk überprüfen könnten. Letzteres wäre besonders wichtig, da K. immer nur einzelne Laute transkribiert, aber niemals die Transkription ganzer Wörter vorführt (angeben auf S. 16 ist eine rein zufällige Ausnahme), und das, obwohl sie selbst ankündigt, "das Schreiben des Gesprochenen" werde bei ihr "mitgeübt" (S. 5). Auch das Akzentzeichen (') wird nirgends explizit erwähnt, und der nach unten offene Bogen, der den nicht-silbischen Charakter von anzeigt, sowie der Strich unter silbischen Konsonanten (z.B. ) werden ebenfalls nicht erklärt. (Der Strich sollte übrigens immer mitten unter dem Lautzeichen stehen. Bei K. wird er bei L nach links versetzt und ist unter der Klammer praktisch nicht zu erkennen, siehe S. 58-59.)

Unglücklich hat K. ferner die Behandlung des vokalisierten R gelöst, das sie, wie erwähnt, zusammen mit dem schwachtonigen E unter "nicht akzentuierte vokalisierte Endungen" (S.58ff.) üben lässt (und damit vor dem nicht-vokalisierten R, zumindest sofern man die Reihenfolge der Übungen beibehält). Sowohl phonologisch als auch vom Schriftbild her (und deshalb auch aus Sicht der Lerner!) sind [R] und aber einfach kombinatorische Varianten ein und desselben Phonems, genau wie z.B. auch der Ich-Laut und der Ach-Laut , die man mit dem gemeinsamen Graphem <ch> bezeichnet. Solche Paare kombinatorischer Varianten dürfen nicht schon deshalb getrennt behandelt werden, weil die eine Variante gewissen anderen Lauten artikulatorisch näher steht; dann müsste man zusammen mit [j] üben lassen und nicht mit . Ähnliches gilt für das nicht-silbische I in Wortbildungsmorphemen wie -tion, -ium: Dieser Laut fehlt im Abschnitt über die I-Laute und erscheint nur implizit im Abschnitt über die Affrikata [ts] beim Morphem -tion (S. 82-83). Es fehlen eine Transkription sowie ein Hinweis auf den nicht-silbischen Charakter des I; das nicht-silbische I in anderen Positionen (z.B. -ium) und das nicht-silbische U (wie z.B. in eventuell) kommen überhaupt nicht zur Sprache. Der Abschnitt über das vokalisierte R enthält übrigens fälschlicherweise eine Übung zu movierten Femina vom Typ Schneiderin (S. 62), obwohl das -er hier gar nicht vokalisiert wird - eine weitere Regel, die man hätte erwähnen müssen.

In methodisch-didaktischer Hinsicht ist K.s Werk bedauerlich einseitig ausgefallen. Zwar plädiert sie für "ein Wechselspiel von imitativem und kognitivem Lernen" bei der Ausspracheschulung (S. 3), tatsächlich sind in ihrem Buch Nachsprechen und Vorlesen aber die einzigen Aktivitäten, nirgends sollen die Lerner Regelmäßigkeiten, Merkmale o.Ä. selbst finden, auf phantasievollere Übungsvarianten wird nur hingewiesen (S.7f., 158), im Buch gibt es sie nicht. Den Einfluss neuerer Didaktikkonzepte verrät allerdings die Methode, Einzellaute jeweils zuerst in Form kleiner Dialoge zu präsentieren, so dass die Wörter, Wortgruppen oder kurzen Sätze, die die Lerner nachsprechen sollen, inhaltlich und intonatorisch als Antworten auf Fragen erscheinen. Z.B. wird das [e:] mit der Frage Wo leben Sie? eingeführt, worauf die Lerner antworten In Bremen - In Peking - In Amerika usw. (S.19); auch mit ganzen Sätzen wird geantwortet, z.B. auf die Frage Was macht Erich? mit Er ist Lehrer - Er ist Apotheker - Er ist Segler usw. (ebd.). Sämtliche Übungen und Texte im Buch sind auf den CDs enthalten, wo sie leicht zugänglich sind und nach Bedarf ausgewählt werden können. Die Stimmen (eine männliche und eine weibliche) und die Klangqualität sind hervorragend, auch wenn man sich bei Material dieses Umfangs vielleicht mehr Sprecher wünschen könnte. Leider sind die für die Lerner vorgesehenen Nachsprechpausen recht kurz geraten und fördern dadurch zu wenig das ruhige, konzentrierte Nachahmen der Laute. Verwirrend und ablenkend wirkt auch, dass die längeren Wortgruppen in manchen Übungen nicht einmal, sondern doppelt vorgesprochen werden. (Dass die betreffenden Stellen im Buch mit einer "2" markiert sind, half unseren Studenten, die sich auf die Wörter und ihre Aussprache konzentrierten, wenig.) Unbefriedigend gelöst ist die Behandlung der kurzen Texte innerhalb der Übungsabschnitte zu den Einzellauten. Obwohl K. selbst angibt, großen Wert auf die prosodische Einbettung aller Laute zu legen (S.4, 8f..), werden auf den CDs alle längeren Sätze durch Pausen zerschnitten, so dass die Lerner zu wenig Gelegenheit bekommen, die Prosodie im Zusammenhang von Ganzsätzen (oder gar von Texten) zu üben. Ein methodischer Brückenschlag zu den Übungen über suprasegmentale Phänomene am Ende des Buches wäre hier schon deshalb wichtig, weil das Sprechen ganzer Texte ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung der tatsächlichen Qualität der Aussprache von Lernern ist und deshalb nicht getrennt von den Einzellauten geübt werden sollte.

Insgesamt ist K.s Aussprachekurs Deutsch zweifellos das beste und gründlichste Aussprachelehrbuch für Deutsch als Fremdsprache, das derzeit auf dem Markt ist. Dass aber auch K. keinen wirklich befriedigenden Aussprachekurs bieten kann, liegt zum einen an den erwähnten Lücken, Inkonsequenzen usw., zum anderen an der wenig originellen Gesamtkonzeption, die sich noch immer nicht genügend von der Erbschaft der methodisch veralteten Deutschen Hochlautung von U. Kreuzer und K. Pawlowski (Stuttgart: Klett 1971) gelöst hat. Gewiss: Bei K. ist den Benutzern die Auswahl und Reihenfolge der Übungen, die sie verwenden wollen, freigestellt; es mag also noch angehen, dass die Übungen zur Prosodie auch in diesem Kurs ans Ende verbannt sind, obwohl doch in der Fachliteratur seit Längerem gefordert wird, in Aussprachekursen (entsprechend der Erfahrung der Lerner!) vom Klangbild der Sprache zu den Einzellauten vorzustoßen. Wann aber werden in einen Aussprachekurs endlich auch einmal Diskriminationsübungen zur gesprochenen Umgangssprache einbezogen, unterstützt durch eine wirklich gründliche Behandlung der Transkription bis hinauf zur Satzebene? Ein Blick in das Kapitel über Ausspracheschulung in G. Storchs DaF-Didaktik (München: Fink 1999, S. 104-113) zeigt, dass z.B. das Sprachlehrwerk Stufen schon Ende der achtziger Jahre diese Konsequenz gezogen hat (Teil 3, Stuttgart: Klett 1989, S. 196f.). Wie in der Fremdsprachendidaktik üblich findet K., dass "Ausspracheschulung mit der Sensibilisierung des Hörvermögens ein(setzt)", und nennt als wichtiges Argument, dass sich die Lerner dadurch "auch im Alltag der fremden Kultur leichter zurecht(finden)" (S. 4); sie mag auch Recht haben, wenn sie die Ausspracheübungen in den Lehrwerken unter quantitativem Gesichtspunkt als zu spärlich beurteilt (S.3). Im Hinblick auf die methodischer Umsetzung bleibt aber selbst ein relativ umfassendes Werk wie K.s Aussprachekurs Deutsch noch immer deutlich hinter manchen Sprachlehrwerken zurück.


Linguistik online 9, 2/01

ISSN 1615-3014