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Rezension zu

Rodríguez-Vázquez, Rosalía (2010): The Rhythm of Speech, Verse and Vocal Music: A new Theory. Bern u. a.: Peter Lang. (= Linguistic Insights 110).

Manuela Caterina Moroni (Trento)


 

Mit ihrer Dissertation an der Universität Edinburgh liefert Rosalía Rodríguez-Vázquez eine interdisziplinäre Untersuchung zum Thema Rhythmus in der Linguistik, Metrik und Musikwissenschaft im Sprachenpaar Englisch-Spanisch. Leitende Fragen der Untersuchung sind: Lassen sich Sprachen nach ihrem rhythmischen System in Gespräch, Gedicht und Musik klassifizieren? Können im Rahmen der Optimalitätstheorie universelle Beschränkungen festgemacht werden, die den Rhythmus auf diesen drei Ebenen regeln, und wenn ja, wie sind sie in einer akzentzählenden Sprache wie dem Englischen und in einer silbenzählenden Sprache wie dem Spanischen geordnet?

Um auf diese Fragen zu antworten, gliedert Rodríguez-Vázquez ihre Arbeit in vier Hauptteile. Im ersten Teil wird der Leser in das Thema Rhythmus und in die Theorie der metrischen Phonologie (Liberman/Prince 1977, Liberman 1979) eingeführt. Dieser theoretische Rahmen gilt inzwischen in der Linguistik als führend im Bereich der Erforschung suprasegmentaler Phänomene wie Rhythmus und Akzentstrukturen (z. B. Wortakzent) und erweist sich im Laufe der Arbeit als besonders nützlich u. a. bei der Darstellung der rhythmischen Strukturierung von Äußerungen und Versen durch das Modell der metrischen Gitter (vgl. Uhmann 1991). In diesem einführenden Kapitel klärt die Autorin auch die prosodische Klassifizierung der Sprachen in Akzent-, Ton- und Tonakzentsprachen und geht näher auf den Typ der Akzentsprachen ein, zu dem Englisch und Spanisch zählen. Im letzten Teil des Kapitels wird auf die Silbe als Basiseinheit für die Prosodie aller Sprachen eingegangen. Dabei wird der Unterschied zwischen Englisch und Spanisch in Bezug auf die Relation zwischen Akzent und Silbenstruktur erläutert. Im Englischen, einer quantitätssensitiven Sprache, bestimmt die Quantität einer Silbe, ob diese den Wortakzent tragen kann. Wortakzente werden im Englischen von schweren Silben angezogen1. Im Spanischen, einer nicht-quantitätssensitiven Sprache, sind Silbenstruktur bzw. -gewicht und Zuweisung des Wortakzents voneinander unabhängig. In quantitätssensitiven Sprachen wie dem Englischen tendiert man dazu, schwere Silben vollständig zu artikulieren, während leichte Silben reduziert werden. Im Spanischen hingegen besteht die Tendenz, alle Silben, unabhängig von ihrem Gewicht, gleich voll zu artikulieren.

Dieser Unterschied ist eng mit der auf Pike (1945) zurückgehenden Isochronie-Hypothese verbunden, auf die Rodríguez-Vázquez im zweiten Teil ihres Buchs eingeht. Dieser Hypothese zufolge wird ein perzeptiv isochroner Rhythmus im Redestrom im Englischen und Spanischen auf unterschiedliche Weise erzeugt. Im Englischen dient als wichtigste rhythmische Basiseinheit der Akzent, d. h. Akzente fallen in gleichen Zeitabständen. Die wichtigste rhythmische Einheit im Spanischen bildet hingegen die Silbe. Jede Silbe wird als gleich lang perzipiert. Englisch wird demnach den akzentzählenden Sprachen, Spanisch den silbenzählenden zugeschlagen. Obwohl inzwischen durch instrumentelle Untersuchungen (vgl. Bertinetto/Vékás 1991) bewiesen wurde, dass diese Hypothese auf physikalischer Ebene nicht haltbar ist, zeigt Rodríguez-Vázquez, dass die Unterscheidung zwischen akzent- und silbenzählenden Sprachen zumindest auf perzeptiver Ebene durchaus sinnvoll ist. Anhand dieser Unterscheidung kann die Autorin nämlich im dritten und vierten Teil die Ergebnisse ihrer Untersuchung zum Rhythmus in der Metrik und der Musik erklären.

Im dritten Teil gibt Rodríguez-Vázquez einen historischen Überblick über die Entwicklung der Metrik im Englischen und im Spanischen. Dabei zeigt sie, wie die heutige englische Metrik ein hybrides Produkt aus der ursprünglichen germanischen Verstradition und romanischen Einflüssen ist. Aus der germanischen Tradition stammt die Versifikation nach dem akzentuierenden Prinzip. Demnach muss jeder Vers die gleiche Anzahl von Akzenten aufweisen bzw. aus der gleichen Anzahl von Füßen bestehen. Die Tradition des Akzentvers wurde im Laufe der Geschichte ab der normannischen Eroberung 1066 und später durch die Imitation von romanischen Mustern in der Poesie mit syllabischer Versifikation (z. B. von Dantes und Petrarcas endecasillabo) hybridisiert, sodass in der heutigen englischen Versifikation nicht nur die Anzahl der Akzente, sondern auch die Anzahl der Silben eine Rolle spielt. Im Spanischen wird hingegen nach dem syllabischen Prinzip versifiziert, nach dem jeder Vers eine regelmäßige Anzahl von Silben aufweisen muss. Durch einen fundierten und detaillierten Überblick über die historische Entwicklung der englischen und spanischen Metrik macht Rodríguez-Vázquez deutlich, dass sowohl im Spanischen als auch im Englischen zwischen Rhythmustypologie der Sprache und deren metrischer Typologie eine klare Korrespondenz besteht. In der silbenzählenden Sprache Spanisch wird syllabisch versifiziert. In der akzentzählenden Sprache Englisch wird der Akzentvers verwendet, wobei wegen romanischer Einflüsse auch das syllabische Prinzip eine Rolle spielt.

Im vierten Teil wird schließlich gezeigt, dass auch die Prinzipien, die die Umsetzung von Liedertexten in Musik (text-setting) regeln, auf die Isochronie-Hypothese zurückführbar sind. Als Ausgangspunkt dieses Kapitels dient die Annahme, dass das text-setting bei der Komposition von Liedern eine universelle Fähigkeit ist und dass die unterschiedliche Rhythmustypologie im Englischen und Spanischen für Unterschiede beim text-setting verantwortlich ist. Rodríguez-Vázquez präsentiert kritisch im ersten Teil des Kapitels die optimalitätstheoretische Literatur, in der text-setting bei englischen Volksliedern behandelt wird. Aus diesen Arbeiten filtert die Autorin die bisher von der Forschung ermittelten universellen Beschränkungen für das text-setting heraus und prüft ihre Gültigkeit bzw. ihre Ordnung an einem Korpus von englischen und spanischen Volksliedern. Die Ergebnisse von Rodríguez-Vázquez’ Korpusanalyse sind spannend und überzeugend. Die Daten deuten darauf hin, dass im Englischen die Korrespondenz zwischen Akzenten im Liedtext und Taktschlägen in der Musik die am höchsten geordnete Beschränkung (MATCHSTRESS) bildet. Die englischen Volkslieder des Korpus sind dadurch gekennzeichnet, dass die Akzente des Textes mit den Schlägen der Musik korrespondieren. Im englischen Korpus finden sich also kaum Akzentverschiebungen. In den spanischen Volksliedern dient als höchste Beschränkung die Anpassung der Akzente des Liedtexts an die Schläge der Musik (PARALLELISM). Im spanischen Korpus finden sich somit zahlreiche Akzentverschiebungen bzw. die Akzentuierung des ursprünglichen Liedtexts wird bei der Umsetzung in Musik nicht eingehalten. Diese unterschiedliche Ordnung der Beschränkungen beim text-setting im Englischen und Spanischen führt Rodríguez-Vázquez auf überzeugende Weise darauf zurück, dass sich Akzente im Spanischen, einer silbenzählenden Sprache, eher problemlos von einer zur anderen Silbe verschieben lassen, weil alle Silben gleich voll artikuliert werden.

Die Arbeit von Rodríguez-Vázquez ist aus vielen Gründen lesenswert. Sie bietet eine gute Einführung in die Rhythmusforschung. Dank der Beispiele aus englischen und spanischen Gedichten bekommt der Leser auch einen guten Einblick in die Literatur zur Metrik. Der Teil zur Optimalitätstheorie lässt sich für Nicht-Eingeweihte nicht immer ohne Rückgriff auf weiterführende Literatur nachvollziehen, aber die wichtigsten Beobachtungen und die Ergebnisse der Korpusanalyse sind dennoch auf sehr verständliche Weise dargestellt. Die Untersuchung müsste Linguisten, Literaten und Musikwissenschaftler gleichermaßen interessieren. Die Ergebnisse lassen sich möglicherweise auf andere akzentzählende und silbenzählende Sprachen übertragen, sodass die Arbeit auch als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen zur rhythmischen Typologie der Sprachen der Welt dienen könnte. Die Untersuchung dürfte auch wichtige Hinweise für die Didaktik der Prosodie im Bereich von Fremdsprachen liefern. Aufgrund der Ergebnisse von Rodríguez-Vázquez dürfte es sehr sinnvoll sein, in der Didaktik des Englischen als Fremdsprache (und wohl auch des Deutschen, das ebenfalls eine akzentzählende Sprache ist) Lieder einzusetzen, weil man dadurch auf spielerische Weise die Regeln der Akzentzuweisung vermitteln könnte. Dies dürfte demgegenüber in silbenzählenden Sprachen wie dem Spanischen und dem Italienischen nicht möglich sein, weil bei Liedern in silbezählenden Sprachen die Akzentzuweisung viel zu oft nicht der Akzentuierung im normalen Gespräch entspricht.


Literatur

Bertinetto, Piermarco/Vékás, Domokos (1991): "Controllo vs. compensazione: sui due tipi di isocronia". In: Magno Caldognetto, Emanuela/Benincà, Paola (Hg.): L’interfaccia tra fonologia e fonetica. Padova, Unipress: 155–162.

Liberman, Mark/Prince, Alan (1977): "On stress and linguistic rhythm". Linguistic Inquiry 8: 249–336.

Liberman, Mark (1979): The intonational system of English. New York: Garland Publishing.

Pike, Kenneth L. (1945): The intonation of American English. Ann Arbor, Mich.: University of Michigan Press.

Uhmann, Susanne (1991): Fokusphonologie. Tübingen: Niemeyer.


Anmerkungen

1 Schwere Silben enthalten mehr als eine More und sind etwa vom Typ CVC, CV:, VC und C:. Leichte Silben sind vom Typ V und CV. zurück