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Phraseologismen in problemorientierter weiblicher Adoleszenzliteratur – ein Beispiel*

Ulrike Preußer (Bielefeld)



1 Einleitung

Spricht man vom Mädchenbuch, so ist damit eine adressatenspezifische Abwahl aus dem Gesamtkorpus der Kinder- und Jugendliteratur gemeint, die bei den Leserinnen die Funktion einer Sozialisationsinstanz und eines identifikatorischen (Anti-)Rollenmodells – zumeist kurz vor und während der Pubertät – erfüllt1. Die Entwicklung dieses Genres reicht zunächst von der Lehr- und Ratgeberliteratur des 18. Jahrhunderts über die traditionelle Backfischliteratur2, die sich Ende des 19. Jahrhunderts beginnend mit Emmy von Rhodens Der Trotzkopf3 (Rhoden 2003) herausbildete, bis hin zu der im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entstehenden emanzipatorischen Mädchenliteratur4. Auch wenn sich feststellen lässt, dass im 21. Jahrhundert sowohl Backfisch- als auch emanzipatorische Mädchenliteratur weiterhin aufgelegt bzw. neue Bücher nach deren inhaltlicher, funktionaler und strukturaler Konzeption geschrieben werden, hat sich seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts deutlich eine weitere mädchenliterarische Subgattung herausgebildet: der weibliche Adoleszenzroman. Wortmann (2004) stellt unter Bezugnahme auf Lehnert (1995) fest, dass dieses jugendliterarische Genre nicht mehr – wie noch die emanzipatorische Mädchenliteratur – an der Thematisierung von Gleichberechtigung orientiert ist, die hier nun mehr oder weniger explizit vorausgesetzt wird. Es geht "vielmehr um die Möglichkeit, die weibliche Geschlechtsidentität zu entwickeln, ohne männliche Eigenschaften übernehmen zu müssen oder sie kategorisch abzulehnen" (Wortmann 2004: 74). Dabei werden selbstverständlich Thematiken der emanzipatorischen Mädchenliteratur aufgegriffen, jedoch, wie Wortmann (2004) unter Rückgriff auf Kaulen (1999) und Grenz (2000) betont, auf keine stereotypisierende, sondern auf eine stark individualisierende, nicht wertende Weise, indem ambivalente Gefühlswelten und negative Verhaltensweisen weder im- noch explizit sanktionierend beschrieben und auch misslingende Sozialisationsversuche und Reifungsprozesse dargestellt werden.

In allen mädchenliterarischen Subgattungen – von der Lehr- und Ratgeberliteratur bis hin zur weiblichen Adoleszenzliteratur – fällt in zahlreichen Texten zum einen eine generell hohe Frequenz an sprachlicher Formelhaftigkeit auf, und zum anderen ein qualitativ reflektierter und pointierter Umgang mit Phraseologismen im engeren Sinne (cf. Burger 2007: 15). Dass Phraseologismen in Kinder- und Jugendliteratur frequent verwendet werden, ist bereits des Häufigeren festgestellt worden. Burger (1997) stellt zu diesem quantitativen Befund die Produktion und Rezeption von KJL betreffende Überlegungen an, die sich vor allem am Spracherwerb orientieren. Richter-Vapaatalo (2007) unterzieht zahlreiche Kinder- und Jugendbücher neben einer quantitativen, einer genaueren qualitativen Untersuchung, indem sie die Kontexteinbettung berücksichtigt. Eine Untersuchung zum Vorkommen von Phraseologismen in Mädchenliteratur hat bislang jedoch noch nicht stattgefunden. Wie in dem in Anmerkung 1 erwähnten Beitrag jedoch gezeigt werden kann, ist eine Funktionsverschiebung bei der Phraseologismenverwendung im Mädchenbuch konstatierbar: Im Backfischroman werden Phraseologismen häufig als Sozialisationsinstanz bzw. als tatsächliches Sprachkorsett eingesetzt, um dem heranwachsenden Mädchen ein gesellschaftlich erprobtes und für gut befundenes Menschen- und vor allem Frauenbild zu präsentieren, dessen Annahme ausschließlich positiv sanktioniert ist. In der emanzipatorischen und problemorientierten Mädchenliteratur sind demgegenüber zum einen eine dezidierte Sprichwortkritik festzustellen und zum anderen eine Übernahme überwiegend salopper (d.i. konzeptionell mündlich ausgerichteter) Phraseologismen, die die Selbstbestimmtheit und den Ich-Ausdruck des weiblichen Individuums betonen.

Anhand des Romans von Brigitte Biermann Engel haben keinen Hunger (2006) soll nun ein weiterer qualitativer Aspekt in Bezug auf Mädchenliteratur näher erläutert werden, der sich nicht in die oben kurz skizzierte Entwicklung einfügen lässt. Ob sich aus den hier präsentierten Überlegungen eine ähnliche Funktionszuschreibung gewinnen lässt, wie die oben formulierte zu Backfisch- und emanzipatorisch/problemorientierter Mädchenliteratur, muss noch anhand weiterer Texte überprüft werden – sie geben jedoch einen Einblick in die funktional orientierte Einbettung der Phraseologismen auch in offensichtlich hybridisierten Subgenres5.

Bei dem exemplarisch herangezogenen Roman handelt es sich um einen weiblichen Adoleszenzroman, der zunächst einen misslingenden Sozialisationsversuch und zum Schluss einen sich daran anschließenden bzw. daraus entwickelnden Krankheitsverlauf beschreibt. Insofern handelt es sich außerdem um problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur, die unter Verwendung von Tagebuchaufzeichnungen die authentische Lebensgeschichte6 eines anorektischen Mädchens beschreibt, das letztlich seiner psychisch-physischen Krankheit unterliegt und stirbt. Im Rahmen der Romanhandlung wird im Wechsel die Sichtweise der Angehörigen und der Betroffenen fokalisiert. Bevor zwei besonders auffällige Verwendungsweisen von Phraseologismen im Text fokussiert werden (Abschnitt 3 und 4), soll zunächst die generelle Phraseologismenverwendung im Buch kurz skizziert werden.


2 Phraseologismen in Brigitte Biermanns Engel haben keinen Hunger (2006)

Im Roman finden sich ca. zwei Phraseologismen pro Buchseite, von denen ungefähr die Hälfte zu Phraseologismen im engeren Sinne gehört. Sie werden häufig eingesetzt, um die Gefühle der Protagonistin Katrin (zumeist intern fokalisierend7) zu schildern wie die folgenden drei Textbeispiele zeigen:

1."Aber die interessieren sich überhaupt nicht mehr für mich, ich fühl mich so fehl am Platz8 mit denen. Ich hab noch nicht mal was von San Vincenzo erzählt. Die haben nie Zeit, immer was anderes vor." Katrin saß da mit hängenden Schultern, die Augen ziellos in den Garten gerichtet. (Biermann 2006: 29)
2.Sollte sie nicht binnen zwei Wochen zunehmen, drohte Fresubin. Schon bei dem Gedanken an diese milchige Ersatznahrung drehte sich Katrin der Magen um. (Biermann 2006: 186)
3.Und dann fürchtete sie sich erneut, vor Schwester Magdalena auf die Waage zu steigen – wog sie zu wenig, würde die Fresubin-Dosis erhöht werden. Wog sie zu viel, fühlte sie sich wie ein Mastschwein und hasste sich dafür. (Biermann 2006: 101)

Auch Katrins Verhalten wird häufig mittels Phraseologismen beschrieben. So wird u. a. Katrins kindliches Essverhalten mit etwas auffuttern bis auf den letzten Krümel sprachlich wiedergegeben, während zur Beschreibung ihres jugendlichen Essverhaltens u. a. keinen Bissen zu sich nehmen (Biermann 2006: 18) gewählt wird, was sich sowohl auf der wörtlichen, als auch auf der phraseologischen Ebene als Antithese ausnimmt:

Wie Katrin einmal, sie war vielleicht vier oder fünf, von beiden Adventskalendern alle Türchen aufgemacht und sämtliche Süßigkeiten auf einmal aufgefuttert hatte, bis auf den letzten Krümel. (Biermann 2006: 12)

Sie animierte sie, sich zu bedienen, es sei schließlich reichlich da. Später bemerkte Tatjana Lena gegenüber, dass Katrin keinen Bissen zu sich genommen hätte. Von zwei Uhr am Nachmittag bis 22 Uhr am Abend. Man sah sie nur mit einem Glas Wasser oder Cola. (Biermann 2006: 18)

Auch Katrins Aussehen wird oft mit Phraseologismen beschrieben, z. B. mit (nur noch) Haut und Knochen (sein):

Sie fiel ihm um den Hals und schluchzte. "Und wie sie aussieht! Nur noch Haut und Knochen, Ödeme und furchtbare offene Stellen an den Beinen!" (Biermann 2006: 247)

Die Verwendung von Somatismen ist auffällig, zumal diese Phraseologismen zumeist die wörtliche Bedeutung motivierend eingesetzt werden, um den körperlichen Verfall Katrins drastisch schildern zu können, z. B. sich kaum auf den Beinen halten können:

Sie wog 41,3 Kilogramm, Puls 37. Sie hatte Magenschmerzen und Herzrhythmusstörungen, war entsetzlich müde, konnte sich kaum auf den Beinen halten, sah häufig nur noch verschwommene Umrisse. Ihre Hände gehorchten ihr nicht mehr, sie zitterten und hatten Mühe, Gegenstände zu halten. (Biermann 2006: 97)

Zur Beschreibung von Katrins sich durch die Anorexie zunehmend verändernden Figur werden sowohl phraseologische als auch innovative Vergleiche herangezogen, die ihrerseits auch mehrfach gesetzt werden, z. B. aussehen wie ein Faden (Biermann 2006: 20), dünn sein wie eine Fahrradspeiche (Biermann 2006: 22, 151) und aussehen wie ein Zahnstocher (Biermann 2006: 26). Des Weiteren finden Phraseologismen Anwendung, um die Interaktionen zwischen Katrin und ihren Eltern, ihrer Schwester und ihren Freunden zu charakterisieren. Besonders auffällig ist die hohe Frequenz an Paarformeln, z. B. ganz und gar (Biermann 2006: 93), sang- und klanglos (Biermann 2006: 82), Hin und Her (Biermann 2006: 35, 82), hin und her (Biermann 2006: 24, 53), rauf und runter (Biermann 2006: 8, 43), ab und zu (Biermann 2006: 40, 61), hin und weg (Biermann 2006: 18), und mehr oder minder (Biermann 2006: 234), die im Roman Anwendung finden; diese sollen hier jedoch weiterhin unberücksichtigt bleiben, da sich für ihre Betrachtung und Analyse ein eigener Beitrag anbieten würde. An dieser Stelle soll exemplarisch nur ein Aspekt näher beleuchtet werden, der den gesamten Text strukturierend durchzieht: Die Vorausdeutungen auf Katrins Tod, die häufig phraseologisch gebunden vorliegen.

Dabei spielt der metaphorische Gebrauch des Lexems Engel als Todesbote bzw. Vorahnung des Todes, der durch die Verwendung von Phraseologismen verstärkt wird, eine ganz besondere Rolle.


3 Die Engel-Metaphorik – Die Monosemierung auf den Tod

Schon mit dem Titel des Romans wird das Lexem Engel eingeführt. Durch den Untertitel "Katrin L. Die Geschichte einer Magersucht" und die Abbildung eines in eine weiße Bluse gekleideten Mädchens werden bereits über den Paratext Semgleichheiten zwischen dem Lexem Engel und der Lexemgruppe Katrin L. ist ein anorektisches Mädchen aktualisiert, die sich mit [+ zart], [+ zerbrechlich], [+ leicht], [- irdisch] wiedergeben lassen.

Im Verlauf des Textes werden durch zahlreiche Textstellen weitere gemeinsame Seme produziert, wobei die stärkste Bedeutungsaufladung durch ein Geflügeltes Wort erzeugt wird, das im Verlauf des Textes umfunktioniert wird, indem es mit neuer Bedeutung und anderer Konnotation belegt wird:

"Du bist so schön", murmelte er zwischen wilden Küssen, ein Satz, der sie wieder weich stimmte. Ja, sie fand sich auch schön. Vor acht Wochen hatte sie in ihrem Tagebuch notiert: "Ich wiege 51 kg – noch 1 kg!" Und gerade gestern konnte sie eintragen: "Ich hab's geschafft! 85 – 60 – 90 = 49,5 kg!!!" Aber davon wusste Fabian nichts. Und während Janet Jackson sang: "You know...", hörte Katrin auf, sich gegen Fabians gierige Hände und Lippen zu wehren, ohne die Kontrolle ganz aufzugeben. Sie fühlte sich geliebt, begehrt, bestätigt. Ihr schwindelte. Und als Janet Jackson schwieg, sang sie Fabian leise ins Ohr: "I believe I can fly. I believe I can touch the sky..." (Biermann 2006: 45-46)

Die Songtextzeile, die Katrin ihrem Freund ins Ohr singt, stammt nicht, wie der unmittelbare Kontext nahe legen könnte, von Janet Jackson, sondern von Robert Kelly. Man kann die Kenntnis von (temporär) große Bekanntheit besitzenden Songtextteilen – wie es auch schon Burger/Buhofer/Sialm (1982) u. a. in Bezug auf Werbeslogans, Buchtitel und Filme vornehmen – als Bildungszitate oder Geflügelte Worte bezeichnen, die jedoch in ihrer zeitlichen Gültigkeit stärker eingeschränkt sind, als man es von Klassikerzitaten her kennt9. Die Protagonistin Katrin nutzt dieses Zitat offensichtlich nicht (oder nicht ausschließlich), um ihrer Verliebtheit Ausdruck zu verleihen, was noch die Funktion der Textzeile im Rahmen des Songs ist, sondern vielmehr, um ihr gutes Gefühl angesichts ihrer Gewichtsreduktion zu verdeutlichen. Das Zitat "I believe I can fly, I believe I can touch the sky" aktualisiert erneut die bereits oben genannten Seme zwischen dem Engel und der Protagonistin Katrin, aber vertieft auch weitere: [+ Himmel], [+ fliegen], [+ glauben]. Insofern die Songtextzeilen mit dem Titel gebenden Engel in Verbindung zu setzen sind, findet eine Motivierung der wörtlichen Bedeutung des Zitats statt, denn als Engel könnte Katrin tatsächlich fliegen und den Himmel berühren. Zudem wird das Zitat durch die offensichtliche Rückbindung des guten Gefühls an die Gewichtsreduktion anstelle der Verliebtheit mit einer neuen Bedeutung aufgeladen, die nicht mehr eindeutig positiv, sondern bereits anteilig negativ konnotiert ist; das Glücklichsein über eine offensichtlich nicht notwendige Gewichtsverringerung deutet bereits die nicht nur physische, sondern auch psychische Gefahr der Anorexie an, die sich zunächst in einer Abwendung von anderen und einer extremen Beschäftigung mit sich selbst äußert. Mit Burger (32007) kann man diese Veränderung der phraseologischen Bedeutung, die situativ auf dem unmittelbaren Kontext beruhend erzeugt worden ist, als semantische Modifikation ohne formale Modifikation bezeichnen. Die neue phraseologische Bedeutung der Songtextzeilen von Robert Kelly hat die Leserin auch noch im Sinn, wenn Katrin einige Seiten später das Lied erneut – beim Zusammensein mit einem anderen Jungen – singt:

Zu seinem 18. Geburtstag hatten ihm seine Eltern ein Auto geschenkt, der Führerschein war noch druckfrisch, und so düste er mit ihr durch die Gegend, sie bummelten durch kleine Ortschaften, gingen am Neckar spazieren. Katrin schwebte auf Wolke sieben. Und sang wieder Robert Kellys Ohrwurm: "I believe I can fly. I believe I can touch the sky...". (Biermann 2006: 70)

Hier scheint das wiederholt auftauchende Geflügelte Wort zunächst in seiner dem ursprünglichen Kontext entsprechenden Bedeutung verwendet worden zu sein, da tatsächlich der Verliebtheit der Protagonistin Ausdruck verliehen werden soll. Dennoch erfolgt auch hier eine Motivierung der wörtlichen Bedeutung des Geflügelten Worts, die die zweite, modifizierte phraseologische Bedeutung nahe legt. Ein weiterer verbaler Phraseologismus, der unmittelbar vor dem Robert-Kelly-Zitat verwendet wird – auf Wolke sieben schweben – ist nämlich sowohl auf wörtlicher als auch auf phraseologischer Ebene als sem- bzw. bedeutungsähnlich anzusehen: Sowohl der verbale Phraseologismus als auch das Geflügelte Wort bezeichnen in ihrer phraseologischen Bedeutung Verliebtheit und rufen auf wörtlicher Ebene gleiche Seme ab, die durch das Lexem schweben bzw. fly die Parallele zum Titel gebenden Engel herstellen. Dadurch scheint sowohl die ursprüngliche als auch die modifizierte phraseologische Bedeutung für den Kontext relevant zu sein, um eine zunehmende Monosemierung des Lexems Engel auf den Aspekt des Todes zu erzeugen – ein Befund, der sich durch die folgende Sprachverwendung im Roman durchaus noch weiter ausbauen lässt. So wünscht sich die Protagonistin z. B. nachdem sie aufgrund ihres starken Untergewichts längst ins Krankenhaus eingeliefert worden ist: "Ich möchte am liebsten aus mir heraustreten, frei umherschweben [sic], leicht wie eine Feder" (Biermann 2006: 158). Der in einer Tagebuchaufzeichnung enthaltene Wunsch, sich aus seinem Körper lösen zu können, korrespondiert hier mit dem von der Erzählerin gewählten, oben beschriebenen Phraseologismengebrauch und rekurriert so wiederum indirekt auf das Sterben. Der angeschlossene phraseologische Vergleich leicht wie eine Feder ist durch die im Roman etablierte Engel-Metaphorik (cf. die verbindenden Seme zwischen Engel und Feder) auf zweierlei zu beziehen; zum einen kann der Vergleich als Bezeichnung einer tatsächlichen körperlichen Erleichterung gelesen werden, die durch die Möglichkeit einer (vielleicht temporären) Trennung von Geist und Körper erreicht werden könnte, zum anderen kann unter leicht wie eine Feder – wenn man die Bildhaftigkeit der religiösen Vorstellung des Todes zu Grunde legt – die Seele (bzw. der Engel Katrin) verstanden werden, die sich nach dem Tod von der körperlichen Hülle befreit Richtung Himmel bewegt.


4 Sich dünn(e) machen – Katrin verschwindet

Nicht nur über die Engel-Metaphorik wird eine Vorausdeutung des Todes markiert, sondern auch über andere Textelemente, die wiederum phraseologisch gebunden erscheinen und erneut mit dem Verfahren der Motivierung arbeiten. Während die oben genannten Beispiele Katrins Sicht fokalisieren, wird mit dem Folgenden die Perspektive der Mutter beschreibend erfasst:

Sie streichelte Katrins Hinterkopf und ihren Nacken. Auch der ist irgendwie dünner geworden, dachte sie, wie die Haare. Plötzlich kam Anna die Redensart in den Sinn: Jemand macht sich dünn. Man macht sich dünn, wenn man wegwill, wenn irgendwas nicht mehr aushalten kann oder will; jemand wird immer dünner, um nicht mehr zu existieren, um nicht mehr auf dieser Welt zu sein... (Biermann 2006: 93).

Katrins Mutter Anna fällt angesichts des Immer-Weniger-Werdens ihrer Tochter der Phraseologismus sich dünn (e) machen ein und sie geht in Gedanken die Gebrauchsrestriktionen in Bezug auf Katrin durch – sie gleicht also die phraseologische Gesamtbedeutung des tradierten verbalen Phraseologismus, dessen wörtliche Bedeutung ihr bei der Betrachtung ihrer Tochter in den Sinn kommt, mit der aktuellen Gebrauchssituation ab. Dabei kommt sie zu dem beunruhigenden Schluss, dass, da sich die phraseologische Gesamtbedeutung mit ‚verschwinden’ wiedergeben lässt, es wiederum auf wörtlicher Ebene genau das ist, was ihre Tochter möchte: Sie will sterben, "nicht mehr auf dieser Welt sein". Bezeichnend ist dabei, dass Anna vom wörtlichen Gebrauch des Phraseologismus zu einem kotextuell angepassten wechselt, indem sie von "jemand macht sich dünn" zu"man wird immer dünner" übergeht. Phraseologismus und freie Wortverbindung werden hier synthetisiert, um die Situation einerseits mit Hilfe einer tradierten (und daher als kollektive Wahrheit fungierenden), und andererseits mit einer kontextsensitiven (und daher dringend frei zu formulierenden) Überlegung wiedergeben zu können. Anna schafft so einen Dialog zwischen sich und Gesellschaft, der den Tatbestand der Anorexie angemessen zu beschreiben versucht und gleichzeitig die mögliche Konsequenz bereits fokussiert – den Tod der Tochter.


5 Ausblick10

Entsprechend der basalen Funktion von problemorientierter Kinder- und Jugendliteratur generell dient die Verwendung der zahlreichen Phraseologismen zunächst sicherlich einer drastischen Darstellung, die der Veranschaulichung des thematisierten Problems dient (cf. Abschnitt 2: antithetische Verwendung von Phraseologismen, innovative und phraseologische Vergleiche, motivierte Somatismen). Es zeigt sich jedoch darüber hinaus, dass die sich immer stärker verdichtende Monosemierung auf den Tod eine zusätzliche Bedeutungsebene im Text erzeugt, die an eine subtile Form der Warnfunktion erinnert, die auch an der stark didaktisierenden Phraseologismenverwendung in der klassischen Backfischliteratur nachzuweisen ist. In Biermanns Text wird diese Warnfunktion natürlich nicht dadurch erfüllt, dass Erwachsenen ein gesellschaftlich anerkannter Leitsatz (also ein Sprichwort) in den Mund gelegt wird. Die Warnfunktion wird vielmehr dadurch erzeugt, dass schrittweise eine Binäropposition zwischen Leben und Tod etabliert wird. Diese resultiert aus dem Wechselspiel des positiv konnotierten bzw. phraseologisch habitualisierten Verständnis des Lexems Engel und der Lexemgruppen leicht wie eine Feder, auf Wolke sieben schweben, i believe i can fly, sich dünn(e) machen u. a. und einer Neukonnotierung durch Anbindung an Seme, die mit Sterben zu verknüpfen sind. Diese Vorgehensweise erzeugt ein hohes Maß an Eindringlichkeit, das ohne einen erhobenen Zeigefinger seine Wirkung entfalten kann. Außerdem ermöglicht eine solche Binäropposition, die duale Perspektive auf die Krankheit Anorexie wiederzugeben, indem das inhärente Glücksgefühl, das dem Gewichtsverlust anhaften kann, genauso aktualisiert wird, wie die damit in Verbindung stehende Gefahr.

Mit Rückbezug auf die eingangs kurz eingeführte Definition für weibliche Adoleszenzliteratur ließe sich festhalten, dass der untersuchte Roman – wie auch schon der Titel des Beitrags nahelegt – tatsächlich nur bedingt unter das genannte Subgenre fallen kann. Er weist zwar Tendenzen auf, die die Selbstbestimmtheit der Protagonistin unterstreichen und zeigt insbesondere durch die Konsequenz des Sterbens die Bereitschaft zur Darstellung eines tatsächlich misslingenden Sozialisationsversuchs, doch fehlt eine wirkliche Wertneutralität in der Darstellung. Allerdings ist auffällig, dass die in Abschnitt 3 und 4 beschriebene inhärente Monosemierung auf den Tod ein ästhetisches Mittel darstellt, das weder aus der Backfischliteratur, noch aus der emanzipatorischen oder problemorientierten Mädchenliteratur geläufig ist. Es ließe sich vermuten, dass das beschriebene literarische Vorgehen ein typisches Kennzeichen für weibliche Adoleszenzliteratur ist, was in folgenden Untersuchungen zu überprüfen sein wird.


Anmerkungen

* Im auf der IDT 2009 gehaltenen Vortrag habe ich mich mit der Funktion von sprachlicher Formelhaftigkeit in Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt, die überwiegend von Mädchen gelesen wird. Es wurden Hypothesen zum Gebrauch von Phraseologismen in deutschsprachiger Mädchenliteratur aufgestellt, die aus der Sichtung eines Textkorpus von ca. 45 Romanen resultierten. Die Hypothesen wurden anhand der Vorstellung und Analyse von zwei exemplarisch herausgegriffenen Texten verdeutlicht. Da die generelle Hypothesenbildung und ihr hinreichender Beleg deutlich mehr deskriptiven Aufwand erfordert, wende ich mich in dem vorliegenden Aufsatz ausschließlich einem Text zu, anhand dessen ich den Phraseologismengebrauch in aktueller weiblicher Adoleszenzliteratur mit problemorientierter Ausrichtung exemplarisch verdeutliche. Die Hypothesenbildung zur Verwendung von sprachlicher Formelhaftigkeit in der traditionellen Backfisch- und der emanzipatorischen Mädchenliteratur wird Ende 2011 unter dem Titel "Vom Sprachkorsett zur artikulierten Selbstbestimmung? – Sprachliche Formelhaftigkeit im Mädchenbuch und ihre Funktionen" in einer Ausgabe der Zeitschrift Neuphilologische Mitteilungen erscheinen. zurück

1 Zur Rolle und Funktion des Mädchenbuchs cf. u. a. Dahrendorf (1974) und Wortmann (2004). zurück

2 Zur Mädchenliteratur zwischen 1700 und 1945 cf. u. a. Wilkending (1994). zurück

3 Zur Bedeutung von Emmy von Rhodens Der Trotzkopf für die Entwicklung der Mädchenliteratur im Allgemeinen und die Konzeption des traditionellen Backfischromans im Besonderen cf. u. a. Diehring (2008), Wilkending (1997), Grenz (1997). zurück

4 Zur Entwicklung und Charakteristik der emanzipatorischen Mädchenliteratur cf. u. a. Keiner (1994). zurück

5 Die Hybridisierung legt bereits der Titel des Beitrags nahe – gemeint ist die Verbindung von Elementen des problemorientierten Mädchenbuchs und der weiblichen Adoleszenzliteratur. zurück

6 Der Roman basiert auf der Lebensgeschichte der bereits im Untertitel aufgeführten Katrin L., deren Name für die Veröffentlichung geändert worden ist. Im Anhang der Ausgabe aus dem Beltz & Gelberg-Verlag findet sich neben einer Zeittafel, die den Krankheitsverlauf der Protagonistin noch einmal in Kurzform wiedergibt (und als deutliche Authentifizierungsmarkierung zu betrachten ist) auch die Kopie einer Tagebuchaufzeichnung der Katrin L. (weitere Authentifizierungsmarkierung). In einem Nachwort beschreibt Brigitte Biermann, dass Katrins Eltern sie darum gebeten hätten, die Geschichte ihrer Tochter aufzuschreiben und ihr dafür deren Tagebücher zur Verfügung gestellt hätten: "Ich danke besonders ihrer Mutter dafür, dass ich das vielleicht Kostbarste, was von Katrin geblieben ist – ihre Tagebücher –, lesen und daraus zitieren durfte" (Biermann 2006: 266). Leider macht die Autorin die Stellen jedoch nicht kenntlich, an denen sie das Material aus den Tagebüchern verwendet hat, so dass eine Überprüfung, ob eventuell Katrins tatsächlicher Schreibstil auch den Stil der Verfasserin beeinflusst hat oder von Biermann bewusst imitiert wurde, nicht nachvollziehbar ist. Letztlich ließe sich auch anzweifeln, ob die Geschichte der Katrin L. tatsächlich auf Tatsachen beruht oder ob mit Authentifizierungsstrategien gearbeitet worden ist, um die Überzeugungskraft der literarischen Darstellung zu erhöhen. Da die Biografie der Autorin offenlegt, dass sie sowohl Journalistik studiert als auch jahrelang als Gerichtsreporterin gearbeitet hat, erscheint diese Möglichkeit jedoch weniger wahrscheinlich. zurück

7 Der Zusammenhang zwischen Fokalisierung und Phraseologismengebrauch soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, da er eng mit der These zur emanzipatorischen/problemorientierten Mädchenliteratur in Verbindung steht, die sich auf den Selbstausdruck des heranwachsenden Mädchens bezieht (cf. Anmerkung 1). Auch wenn es selbstverständlich stilistische Unterschiede gibt, verändern diese die erwähnte These nur graduell und nicht grundlegend. zurück

8 Unterstreichungen hier und im Folgenden von U.P. zurück

9 Es stellt sich die berechtigte Frage, inwiefern es sich bei Geflügelten Worten tatsächlich um Phraseologismen handelt, da ihre Zuordnung allein über das Wissen ihrer Herkunft determiniert ist. Zentrale Eigenschaften, die sie mit Phraseologismen (auch im engeren Sinne) teilen, sind allerdings a. ihre unmittelbare Abspeicherung und Abrufbarkeit aus dem mentalen Lexikon, b. ihre Bindung an situative Gebrauchsrestriktionen und c. das häufige Auftreten von Konnotation bzw. Idiomatizität:

Das Zitat ist die Sprache, eventuell auch Sprechweise (Modifikation, Phraseoschablone) eines anderen, die zunächst entkontextualisiert und dann in einem neuen Kontext eingebettet wird. Kann der ursprüngliche Produzent des satzwertigen oder auch nicht-satzwertigen Phraseologismus mitgedacht werden, spricht man von einem Geflügelten Wort. Demnach ist die Bezeichnung 'Geflügeltes Wort' davon abhängig, ob der Urheber innerhalb eines bestimmten Personenkreises mit dem Zitat in Verbindung gebracht wird. Grundsätzlich sind Zitate und Geflügelte Worte, (Werbe-) Slogans u.ä. in ihrer Bekanntheit zeitlich häufig besonders eingeschränkt, weil ständig neue entstehen und diese dann ältere überlagern. Das Zitieren von Teilen literarischer Texte oder von Werbesprüchen u.ä. hält diese Textfragmente (sowie das mit ihnen Assoziierte) im Gedächtnis bestimmter kleiner oder auch größerer Personengruppen (Preußer 2004: 277). zurück

10 Es ließen sich noch zahlreiche weitere Beobachtungen unter dem zentral gesetzten Aspekt der phraseologisch gebundenen Vorausdeutung auf den Tod aufführen, für die hier leider der Raum fehlt. Es sei jedoch abschließend noch auf eine weitere Textstelle verwiesen, die wiederum mit dem Verfahren der Aktualisierung der wörtlichen Bedeutung arbeitet. Bereits auf den ersten Seiten des Romans stellt Katrins Schwester Lena über den aktuellen Freund der Schwester fest: "Am Anfang hab ich ihn auch gemocht. Aber er lässt sie voll am ausgestreckten Arm verhungern" (Biermann 2006: 19). Die wörtliche Bedeutung des verbalen Phraseologismus ist das, was mit Katrin letztlich geschieht: Sie verhungert vor den entsetzen Augen ihrer Angehörigen; es ist ein Tod, bei dem man zuschauen kann oder besser: zuschauen muss. Gleichzeitig wird mit der sprachlichen Formel jedoch auch eine mögliche ‚Schuld’ der Angehörigen und Freunde eingeführt – ein Thema, das im Text ebenfalls häufig aufgegriffen wird. zurück

Literatur

Primärliteratur

Biermann, Brigitte (2006): Engel haben keinen Hunger. Weinheim etc.: Beltz & Gelberg.

Rhoden, Emmy von (2003): Der Trotzkopf. Wien: Ueberreuter (Erstveröffentlichung 1885).

Sekundärliteratur

Burger, Harald/Buhofer, Annelies/Sialm, Ambros (1982): Handbuch der Phraseologie. Berlin etc.: De Gruyter.

Burger, Harald (1997): "Phraseologie im Kinder- und Jugendbuch". In: Wimmer, Reiner/Berens, Franz-Josef (eds.): Wortbildung und Phraseologie. Tübingen, Gunter Narr Verlag: 233–254.

Burger, Harald (20073): Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. Berlin: Erich Schmidt.

Dahrendorf, Malte (1974): "Das Mädchenbuch". In: Haas, Gerhard (ed.): Kinder- und Jugendliteratur. Zur Typologie und Funktion einer literarischen Gattung. Stuttgart, Reclam: 264–289.

Diehring, Silke (2008): Die Entwicklung vom "Trotzkopf" bis zu den "Wilden Hühnern". Der Wandel des Frauenbilds in der Mädchenlektüre vom 19. Jahrhundert bis heute. Saarbrücken: VDM.

Grenz, Dagmar (1997): "Man sollte den Trotzkopf noch einmal lesen. Anmerkungen zu einer anderen Lesart". In: Grenz, Dagmar/Wilkending, Gisela (eds.): Geschichte der Mädchenliteratur. Mädchenliteratur und die gesellschaftliche Situation der Frau. Weinheim etc., Juventa: 123–138.

Grenz, Dagmar (20002): "Mädchenliteratur". In: Lange, Günter (ed.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Bd. 1: Grundlagen – Gattungen. Baltmannsweiler, Schneider Verlag: 333–358.

Keiner, Sabine (1994): Emanzipatorische Mädchenliteratur 1980–1990. Entpolarisierung der Geschlechterbeziehungen und die Suche nach weiblicher Identität. Frankfurt a. M. etc.: Lang.

Kaulen, Heinrich (1999): "Fun, Coolness und Spaßkultur. Adoleszenzromane der 90er Jahre zwischen Tradition und Postmoderne". Deutschunterricht 5/1999: 325–336.

Lehnert, Gertrud (1995): "Literarische Gestaltung weiblicher Adoleszenz." Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes 3/1995: 19–26.

Preußer, Ulrike (2004): "Phraseologismen in literarischen Texten – Zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft". In: Földes, Csaba/Wirrer, Jan (eds.): Phraseologismen als Gegenstand sprach- und kulturwissenschaftlicher Forschung. Akten der Europäischen Gesellschaft für Phraseologie (EUROPHRAS) und des westfälischen Arbeitskreises für 'Phraseologie/Parömiologie' (Loccum 2002). Baltmannsweiler, Schneider Verlag Hohengehren: 267–284.

Richter-Vapaatalo, Urike (2007): Da hatte das Pferd die Nüstern voll. Gebrauch und Funktion von Phraseologie im Kinderbuch. Untersuchungen zu Erich Kästner und anderen Autoren. Frankfurt a. M. etc.: Lang.

Wilkending, Gisela (ed.) (1994): Kinder- und Jugendliteratur, Mädchenliteratur. Vom 18. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg. Stuttgart: Reclam.

Wilkending, Gisela (1997): "Mädchenlektüre und Mädchenliteratur. ‚Backfischliteratur’ im Widerstreit von Aufklärungspädagogik, Kunsterziehungs- und Frauenbewegung". In: Grenz, Dagmar/Wilkending, Gisela (eds.): Geschichte der Mädchenliteratur. Mädchenliteratur und die gesellschaftliche Situation der Frau. Weinheim etc., Juventa: 173–196.

Wortmann, Christina (2004): Der Wandel von Leitbildern in der MFädchenliteratur. (http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/cw_maedchenliteratur.pdf, gesehen am 21. Mai 2010.)