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Ausdrucksarten – ein neuer Zugang zur Wortschatzvermittlung im DaF-Unterricht?*

Mathilde Hennig (Gießen)Isabel Buchwald-Wargenau (Leipzig)


 

Für Barbara Wotjak zum 68. Geburtstag

1 Einleitung: Wortschatzvermittlung im DaF-Unterricht

Im Zuge eines kommunikativen und interkulturellen Fremdsprachenunterrichtes wird in letzter Zeit vermehrt die Forderung nach einer angemessenen Wortschatzvermittlung laut. Zwar kündigt die zunehmende Anzahl an Publikationen zu diesem Thema eine gewisse "Trendwende" (Bohn 2000: 6) an, doch "sind die Meinungen darüber, in welchem Maße Wortschatzlernen überhaupt notwendig und möglich ist, noch sehr widersprüchlich" (ebd.).

Rückt Wortschatzarbeit immer mehr ins Zentrum der Fremdsprachenerwerbsforschung und des Fremdsprachenunterrichts, so stellt sich die Frage nach der Beschaffenheit und Gegliedertheit des zu vermittelnden Wortschatzes. Bereits der Begriff 'Wortschatz' legt die Vermutung nahe, dass es sich bei dessen sprachlichen Grundeinheiten vorrangig um Wörter handelt. Die Vermittlung von Wörtern scheint in der Unterrichtspraxis der Normalfall zu sein, obgleich die Fremdsprachenlehrforschung seit einiger Zeit die Wichtigkeit des Lehrens und Lernens größerer Einheiten, sog. 'chunks', betont (z. B. Handwerker 2002, House 1995).

Als Möglichkeit zur Gliederung des Wortschatzes für Belange des Fremdsprachenunterrichts bietet Bohn u. a. das Wortartenkonzept an: Wörter lassen sich nach linguistischen Gesichtspunkten klassifizieren in Wortarten wie bspw. Substantive, Verben, Adjektive (sog. Inhaltswörter) oder Artikel, Präpositionen, Konjunktionen (sog. Funktionswörter) (2000: 20). Dass der Frage nach der Gliederung des Wortschatzes damit nicht beigekommen ist, zeigt folgendes Zitat (Bohn 2000: 21):

Betrachtet man den Wortschatz genauer, so wird deutlich, dass es nicht korrekt ist, nur von Wörtern zu sprechen, wenn damit auch Wortgruppen, idiomatische Wendungen (ein Brett vor dem Kopf haben) und Sätze (z. B. Sprichwörter) gemeint sind.

Edmondson spricht sich, v. a. aus dem Grunde, dass Wortschatzarbeit nicht mit dem bloßen 'Lernen von Wörtern' gleichgesetzt werden darf, gegen eine Trennung von Wortschatz- und Grammatikarbeit im Fremdsprachenunterricht aus (1995: 60):

Aus den vorangegangenen Überlegungen ergibt sich ein deutlich wichtiger Stellenwert für den Wortschatzerwerb im Fremdsprachenunterricht. Gleichzeitig ist zu betonen, daß Grammatik und Wortschatz im Curriculum gezielt in Zusammenhang zu bringen sind. Ebenso gilt, daß der hier verwendete Wortschatzbegriff sehr breit angelegt ist und sich kaum von anderen Aspekten des Spracherwerbs deutlich abgrenzen lässt [...].

Diese Überlegungen der Fremdsprachenlehr- und -lernforschung erscheinen uns aus dem Blickwinkel der germanistischen Linguistik von großem Interesse, wird doch auch hier die Frage nach den sprachlichen Grundeinheiten und deren Klassifizierung nach wie vor brisant diskutiert.

Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, ein ergänzendes Konzept zum Wortartenkonzept zu erarbeiten. Wir werden bei dem vorzustellenden Konzept eine vorwiegend linguistische Perspektive einnehmen, da es uns v. a. darum geht zu zeigen, dass eine Klassifikation von Wörtern zu Wortarten aus syntaktischer Perspektive unzureichend ist und ergänzt werden sollte. Wir meinen aber, dass aus diesem Ansatz durchaus wichtige Impulse für die Fremdsprachenlehrforschung ableitbar sind: Mit dem Konzept versuchen wir, auf die Frage nach sprachlichen Grundeinheiten realitätsnäher einzugehen. Das dürfte auch im Sinne eines kommunikativen, modernen Fremdsprachenunterrichts sein. Somit möchten wir das im Folgenden vorzustellende Ausdrucksartenkonzept als einen Baustein verstehen, der ein Verständnis für die Problemhaftigkeit der generellen Einteilung sprachlicher Grundeinheiten in Wörter und Wortarten schaffen soll und der auf dem Weg zu neuen Methoden der Wortschatzvermittlung im Fremdsprachenunterricht hilfreiche Anstöße geben kann.


2 Wort und Wortart

Bei der Einteilung von Wörtern in Wortarten geht es um die Grundsatzfrage der Klassifizierung sprachlicher Zeichen. Die Zusammenfassung von Wörtern zu Arten bildet die Grundlage für weiterführende Analysen: In allen linguistischen Wissenschaftsgebieten werden Aussagen über die Rolle einzelner Wortarten getroffen. Solche Aussagen setzen ein Verständnis der jeweiligen Wortart voraus, sodass das Wortartenkonzept eine wesentliche Grundlage für die Linguistik bildet. Dementsprechend verwundert es nicht, dass das Wortartenkonzept nicht nur auf eine jahrtausendalte Tradition zurückblicken kann, sondern auch gegenwärtig ständig in der Diskussion ist (vgl. u. a. Hentschel/Weydt 1995, Knobloch/Schaeder 2000, Rauh 2000, Knobloch/Schaeder 2005, Hoffmann 2007).

Ausgehend von Knobloch/Schaeders Diagnose eines "Problembündels" (2000: 681f.) möchten wir einen Beitrag zum empirisch-deskriptiven Problem der Wortartenklassifikation leisten. Knobloch/Schaeder beschreiben die Anforderungen an eine Wortartenklassifikation einer Einzelsprache folgendermaßen: "Die angewandten Kriterien sollen explizit, schlüssig, widerspruchsfrei und der Gegenstand, auf den sie angewandt werden, (Lexeme, Wortformen) klar sein" (2000: 681f.).

Die Suche nach angemessenen Kriterien zur Wortartenbestimmung gehört zu den zentralen Bestandteilen der Wortartforschung (vgl. Knobloch/Schaeder 2000: 676–679). 'Wort' als Gegenstand der Wortartenklassifikation wird dagegen i. d. R. stillschweigend vorausgesetzt (vgl. Ágel 2005: 95). Wenn man bedenkt, dass die Wortartenklassifikation eine wesentliche Grundlage für die Darstellungen in Grammatiken sind, könnte man erwarten, dass die Frage nach dem 'Wort' als dem Gegenstand der Wortartenklassifikation eine wichtige Rolle spielt. Ein Blick in Gegenwartsgrammatiken ergibt diesbezüglich aber wenig Aufschlussreiches:

Helbig/Buscha (2001) und die IDS-Grammatik (1997) führen zwar in die Wortartproblematik ein, bieten aber keine Erklärungen zum ihrem jeweiligen Wortartenverständnis zugrunde liegenden Wortbegriff;
Weinrich (1993) zählt weder 'Wort' noch 'Wortart' zu seinen "Grundbegriffen der Grammatik" (es erfolgt lediglich ein kurzer Verweis auf 'Lexem');
Hentschel/Weydt (1994: 13f.) und Engel (2004: 12) problematisieren zwar den Wortbegriff ("Das Wort zu definieren ist gleichwohl ein dorniges Geschäft." Engel 2004: 12), gehen aber unmittelbar zur Beschreibung der Wortarten über, ohne sich auf ein Wortverständnis festgelegt zu haben;
in der neuesten Auflage der Duden-Grammatik (2005: 129–132) wird lediglich das Verhältnis von 'Wortform' und 'Wort' problematisiert, nicht aber das 'Wort' an sich;
lediglich Eisenberg legt sich auf einen Wortbegriff fest, und zwar den lexikalischen, der 'Lexem' als Wortparadigma mit einer Wortbedeutung ausweist (2006a: 18).

Im vorliegenden Beitrag werden wir einen Vorschlag zur Erweiterung des Gegenstands der Klassifikation sprachlicher Zeichen erarbeiten. Zunächst möchten wir mit Hilfe des Kompositionalitätsprinzips zeigen, warum aus syntaktischer Perspektive Wörter und Wortarten nicht alleiniger Gegenstand der Klassifikation sein sollten.


3 Wortarten und Kompositionalität

Das auf Gottlob Frege zurückgehende Kompositionalitätsprinzip, auch Frege-Prinzip genannt, besagt, dass sich die Bedeutung eines komplexen sprachlichen Ausdrucks zurückführen lässt auf die Bedeutungen seiner Teile und die Beziehung dieser Teile zueinander. Die Bedeutung eines Satzes wäre also sozusagen die Summe der Bedeutungen der Bestandteile des Satzes. Daraus ergibt sich die Frage, was die für die kompositionale Analyse eines Satzes relevanten Bestandteile sind. Folgendes Beispiel soll der Einstimmung dienen.

(1) Ihr Schnellimbiß stand wirklich an einer windigen Ecke. Die Plastikbahne war dort, wo sie am Stand festgezurrt war, eingerissen, und hin und wieder, bei stärkeren Böen, kippte eine der großen Plastik-Eistüten um. Das waren Reklametische, auf deren abgeplattetem Eis man die Frikadellen und, wie gesagt, diese ganz einmalige Currywurst essen konnte. (Uwe Timm 2000: 11)

Das Beispiel enthält zahlreiche Wörter, die sich problemlos Wortarten zuordnen lassen. Die Frage, ob Wortarten die relevante Ebene für die kompositionale Analyse des Satzes darstellen, ergibt sich u. a. in Bezug auf die analytischen Verbformen des Beispiels: war eingerissen, festgezurrt war, essen konnte. Zur Analyse der analytischen Verbformen greifen wir auf die Subtypen der Wortart Verb Hilfsverb, Vollverb und Modalverb zurück. Dass 'Verb' nicht die alleinige Analyseeinheit bilden kann, weil sich die Subtypen dieser Wortart durch bestimmte morphologische und syntaktische Eigenschaften unterscheiden, dürfte unstrittig sein. Die Analyseebene ist hier also nicht die Wortartebene, sondern die Ebene der Wortkategorie im Eisenberg'schen Sinne (2006b: 20f.). Indem wir auf Wortkategorien – in dem Falle Wortkategorien der Wortart Verb – zurückgreifen, unterschreiten wir die Wortartebene.

Dieser Fall des Unterschreitens der Wortartebene ist in der Grammatik bekannt und soll deshalb nicht den Gegenstand der hier vorzustellenden Überlegungen bilden. Wenn es den Fall des Unterschreitens der Wortartebene gibt, stellt sich die Frage, ob auch mit Überschreitung der Wortartebene zu rechnen ist. Ein solcher Fall liegt u. E. vor, wenn einzelne Wörter für die kompositionale Satzanalyse nicht ausreichen, sondern Kombinationen von Wörtern die Analyseeinheit bilden. Das trifft in Beispiel (1) auf hin und wieder zu: Hin und wieder lässt sich ersetzen durch manchmal, verhält sich also wie ein temporales Adverb. Diese Bedeutung ergibt sich nicht aus den Bestandteilen 'Lokaladverb + Konjunktor + temporales Adverb'. Folglich können nicht die Bestandteile dieser Wortverbindung in die kompositionale Analyse des Satzes eingehen, sondern nur die Wortverbindung als solche. In diesem Fall müssen wir also, um dem Kompositionalitätsprinzip bei der Satzanalyse gerecht zu werden, die Wortartenebene überschreiten.

Neben Wortarten als Ebene der syntaktischen Analyse ergeben sich somit noch zwei weitere Analyseebenen:

Ebene Verhältnis zur Wortartebene auf der Basis des Kompositionalitätsprinzips Analyseebene
1 Unterschreitung Wortkategorien
2 Einhaltung Wortarten
3 Überschreitung ?

Übersicht 1: Ebenen der Satzanalyse

Die Unterschreitung der Wortartenebene ist mit der Erfassung der Unterklassen von Wortkategorien in der Grammatik bereits gut beschrieben. Für die Ebene der Überschreitung liegt dagegen u. W. kein grammatisches Konzept vor. Aus diesem Grunde ist es unser Anliegen, ein solches zu entwickeln. Wir werden das Konzept 'Ausdrucksarten' nennen und in drei Schritten vorstellen: Zunächst werden wir an weiteren Beispielen begründen, warum ein zu den Wortarten komplementäres Konzept der Ausdrucksarten notwendig ist. Anschließend werden wir mit einem Kriterienbündel spezifizieren, was wir unter 'Ausdruck' verstehen möchten. Schließlich möchten wir noch Wege zur Ausdrucksklassifizierung erschließen.


4 Zum Konzept der Ausdrucksarten

Mit dem Vorschlag von Ausdrucksarten beziehen wir uns auf den Ausdrucksbegriff Helmuth Feilkes. Feilke betrachtet idiomatische Prägungen als ausdrucksbildend:

Idiomatische Prägung liegt vor, insofern in einer Sprache ausdrucksseitige Kombinations- und Selektionspräferenzen und die Etablierung kompositionell nicht prädiktabler, präferentieller Bedeutung von Ausdrücken zu belegen sind. (Feilke 1998: 74)

Dass Ausdrucksbedeutungen kompositionell nicht prädiktabel sind, haben wir in Kapitel 2 in Bezug auf hin und wieder bereits angemerkt: Die Bedeutung 'temporales Adverb' ist nicht die Summe der Bedeutungen der Bestandteile des Ausdrucks. Die Bedeutung des Ausdrucks ist nicht aus seinen Bestandteilen berechenbar. "Kombinations- und Selektionspräferenzen" bedeutet, dass die Bestandteile eines Ausdrucks festgelegt sind und entweder gar nicht oder zumindest nicht beliebig ausgetauscht werden können. In hin und wieder können die Bestandteile gar nicht ausgetauscht werden, d. h., wir können nicht etwa sagen dahin und erneut.

Feilke betont ausdrücklich, dass 'Wort' und 'Ausdruck' keine gegeneinander auszuspielenden Konzepte sind, sondern dass sie sich vielmehr ergänzen: Während die Spezifik des Wortes "in seiner Eigenschaft als minimales syntaktisch feldfähiges Element" liegt (1996: 67), besteht die Leistung des 'Ausdrucks' "nun gerade in der pragmatisch motivierten Einschränkung der Beweglichkeit und, damit verbunden, in erhöhter idiomatischer Selektivtät, vor allem auch – im Unterschied zum Wort – auf propositionaler und illokutionärer Ebene" (Feilke 1996: 68). Daraus folgt für unseren Vorschlag eines das Wortartenkonzept ergänzenden Konzepts der Ausdrucksarten: Wenn ein Wort aufgrund einer Ausdrucksbildung seine maximale Beweglichkeit einbüßt, ist es nicht mehr nur ein Wort, sondern Wort in einem Ausdruck. Wenn sein Beitrag zur Ausdrucksbildung nicht kompositionell erklärbar ist, ist es nicht mehr sinnvoll, das Wort aus diesem Ausdruck zu lösen und zu klassifizieren. Wenn man nun mit Feilke den Ausdruck als "den primären sprachlichen Kristallisationspunkt kommunikativ und kognitiv anschlußfähiger Orientierungen in der Kommunikation" auffasst (1996: 66), ist es nur konsequent, auch den Ausdruck zum Ausgangspunkt der Artenbildung zu machen.1

Eine Forderung nach einer Berücksichtigung polylexikalischer Einheiten als Gegenstände der Grammatik findet sich auch in phraseologischen Arbeiten. So fordert Vilmos Ágel in seinem Beitrag zum Phraseologismus als (valenz-)syntaktischer Normalfall:

Sollte der sprachliche Normalfall nicht das Okkassionelle, sondern das Geprägte und Vorgeprägte sein, müssten Theorien und Modelle der Linguistik darauf umgestellt werden, dass die ad-hoc-Bildungen mehr oder weniger kreative Realisierungen idiomatisch geprägter und vorgeprägter Modelle darstellen, dass also die grammatischen Regeln auf der Basis dieser Modelle funktionieren. (Ágel 2004a: 67)

Harald Burger (2004: 37) gelangt aufgrund der Diagnose der grammatiktheoretisch nicht abgesicherten und darüber hinaus eher exemplarischen Berücksichtigung von Phraseologismen in der IDS-Grammatik zu folgendem Forderungskatalog:

Die syntaktischen Typen von Phraseologismen sind darzustellen. Das ist schon deshalb nötig, damit man weiß, welche Strukturen im Deutschen "anfällig" sind für Verfestigung, Idiomatisierung usw.
Wenn Begriffe wie Formelhaftigkeit, Festigkeit, Idiomatizität – ohne die auch eine Grammatik wohl nicht auskommt – verwendet werden, müssen sie zumindest rudimentär definiert und in ihrem inneren Zusammenhang dargestellt werden.
Daran anschließen sollte eine systematische Behandlung der Kriterien für Phraseologisierung und entsprechender morphosyntaktischer "Tests" [...].
Das Verhältnis von "interner" und "externer" Valenz bei Phraseologismen sollte erläutert werden.
Wenn phraseologische Beispiele verwendet werden, sind sie als solche zu deklarieren und es muss gesagt werden, ob es sich um Wortverbindungen handelt, die sich unter dem betrachteten grammatischen Aspekt wie nichtphraseologische, "normale" Verbindungen verhalten.

Es wird im Rahmen des vorliegenden Beitrags nicht möglich sein, diesen u. E. sehr ernst zu nehmenden Forderungskatalog vollständig abzuarbeiten. Wir möchten diese Forderungen aber zum Anlass nehmen, einige Überlegungen zum grammatischen Umgang mit polylexikalischen Einheiten vorzustellen.

Zunächst sollen einige weitere Beispiele zu hin das Ausdruckskonzept illustrieren:

(2) Lummer, der Premieren- Nervosität nicht verbergen konnte, trippelte eine halbe Stunde lang etwas unbeholfen auf einem silbernen Laufsteg hin und her, während sich Künast und Stölzl – ebenfalls stehend – an Stützgestellen festhalten durften. (Cosmas FR 1999)
(3) Nach manchem Hin und Her in den vergangenen Jahren zeichnet sich allmählich ein Modell ab, das keinesfalls als Minimal- und damit Notlösung abzutun ist. (Cosmas FR 1999)
(4) "Das war gar nichts heute", sagte Opoku kopfschüttelnd, Geburtstag hin oder her, und er meinte die eigene sowie die Leistung seiner Kameraden beim 2:0 des FSV gegen die Amateure des Karlsruher SC. (Cosmas FR 1999)
(5) Der Ausbau europäischer Föderationen der Fachgewerkschaften hin zu europäischen Branchengewerkschaften sei angesichts der Euro-Einführung, der Dienstleistungsfreiheit sowie des europäischen Binnenmarktes sinnvoller, argumentiert Wiesehügel. (Cosmas FR 1999)
(6) Auf Härtels damalige Kritik hin hatten die Grünen ihren nun verabschiedeten Antrag eingebracht, endlich den VEP-Endbericht in den parlamentarischen Geschäftsgang zu bringen. (Cosmas FR 1999)
(7) Als schließlich ihre beste Freundin Melanie in der Schule hin und weg von der "Neuen" namens Sarah Lucia ist, fühlt sich Marie endgültig allein, ignoriert und traurig. (Cosmas FR 1999)

Hin wird in der IDS-Grammatik als perspektivisches Lokaladverb eingeordnet (1997: 1162f.). Auf diese Weise ist hin allenfalls in Beispiel (2) analysierbar: Lummer trippelte zuerst in die eine Richtung und dann in die andere. Dennoch ist auch bereits hier die Neigung zur Ausdrucksbildung erkennbar: Wir können hin und her bspw. nicht ersetzen durch dahin und dorthin, d. h., die Bestandteile der Wortverbindung sind festgelegt. Während hier die Bedeutung des Ausdrucks unter Umständen noch kompositional erklärbar ist, obwohl klare Kombinationspräferenzen vorliegen, ist hin und her in Beispiel (3) nicht mehr lokalperspektivisch dekompositionalisierbar. Darüber hinaus geht die Ausdrucksbildung hier mit einer Überführung in einen anderen Wortartenbereich einher, indem sich der Ausdruck wie ein Nomen verhält. Die Gegenüberstellung dieser beiden Beispiele lässt bereits erkennen, dass Ausdrucksbildung ein gradueller Prozess ist und dass die Ausdrucksbedeutung kontextabhängig ist.

Inwiefern die Kombinationspräferenzen ausdrucksbildend sind, lässt sich durch einen Vergleich der Beispiele (2 und 3) einerseits und (4) andererseits erkennen: Durch den Wechsel von und zu oder verliert der Ausdruck endgültig den Richtungsbezug. Die Bedeutung von hin oder her: Der Geburtstag ist keine Entschuldigung für die schlechte Leistung ist kompositional nicht erklärbar.

Die Beispiele (5 + 6) belegen hin als Bestandteile von Ausdrücken, die sich wie Adpositionen verhalten (5 wie eine Präposition und 6 als Zirkumposition). Auch hier lässt sich die Beteilung von hin an der Ausdrucksbildung nicht kompositional erklären. Beispiel (7) schließlich belegt eine Verwendung von hin in einem sich wie ein Adjektiv verhaltenden Ausdruck.

Wenn man – wie wir es hier vorschlagen – 'Ausdrucksart' als Ergänzung zu 'Wortart' verstehen will, stellt sich die Frage nach der Abgrenzung von Wörtern und Ausdrücken: Bis wann kann ein Wort als Wort analysiert und klassifiziert werden und ab wann sollte es als Bestandteil eines Ausdrucks aufgefasst werden? Wir möchten zwei Gruppen von Kriterien vorschlagen. Die erste Gruppe an Kriterien bezieht sich auf die Tatsache, dass das Ausdrucksartenkonzept das Wortartenkonzept ergänzen soll. Die Kriterien sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Wort- und Ausdrucksartenkonzepts aufdecken. Die zweite Gruppe an Kriterien orientiert sich an Feilkes Ausdruckskonzept. D. h., diese Kriterien sollen erfassen, ab wann eine Mehrwortverbindung als Ausdruck zu betrachten ist.

I Ausdrucks- vs. Wortarten
1.
2.
polylexikalisch
nicht satzwertig
II Ausdruck im Sinne Feilkes
3.
4.
Bestandteile nicht austauschbar
interne und externe syntaktische Struktur vorhanden und nicht kompatibel

Dass sich diese Kriterien teilweise mit den Kriterien für Phraseologismen decken (vgl. Burger 2007: 15–32, zu einer Problematisierung der Kriterien Feilke 1996: 195–199), ist natürlich kein Zufall. Auf die Phraseologieforschung als möglichen Ideenspender für die Ausdrucksklassenbildung werden wir im folgenden Kapitel eingehen. Zunächst einmal sollen die Kriterien näher erläutert werden:

Ad 1: Beim ersten Kriterium geht es um die Abgrenzung von Wort- und Ausdrucksarten, d. h., es geht darum festzulegen, in was für Fällen Sprachzeichen als Ausdrücke und nicht als Wörter zu klassifizieren sind. Dass dieses Kriterium die Polylexikalität ist, dürfte leicht nachvollziehbar sein: Wenn das Konzept der Ausdrucksarten als Ergänzung zum Wortartenkonzept begriffen wird, wird es erst oberhalb der Wortgrenze relevant. Ausdrücke werden hier also als mindestens zweiwortig aufgefasst.

Allerdings setzt dieses Kriterium ein Verständnis dessen, was als ein Wort anzusehen ist, voraus. Wortauffassungen (im Sinne Ágels 2005: 99) werden aufgrund der jeweiligen Perspektivierungen etwa als 'orthographisches', 'morphologisches', 'syntaktisches', 'phonologisches' und 'psychologisches Wort' charakterisiert (vgl. Bauer 2000; Vater 2002: 61–63). Bei der Wortartenbestimmung wird i. d. R. vom orthographischen Wort ausgegangen, das die Auffassung beinhaltet, dass das, was eine Einheit im Schriftbild darstellt, ein Wort sei.

Wir gehen hier dagegen vom morphologischen Wort aus. In diesem Sinne besteht etwa das orthographische Wort kannste aus zwei morphologischen Wörtern. Allerdings wird eine klare Abgrenzbarkeit von Wörtern und Nicht-Wörtern durch die von Wolfgang Ullrich Wurzel (2000) vorgeschlagene Annahme einer Wortigkeitsskala in Frage gestellt. Aufgrund der Kriterien 'Nichtunterbrechbarkeit', 'einheitliche Flexion' und 'syntaktischer Wortstatus' gelangt Wurzel zu folgender Wortigkeitsskala:

Morphologische Konstruktion: WORT Syntaktische Konstruktion: PHRASE
echtes morphologisches Wort Wort mit partiellen Phraseneigenschaften: morphologisches Semiwort Phrase mit partiellen Worteigenschaften typische Phrase
Mittwoch
radfahren
Langeweile
(sie) fahren Rad
grüner Kloß
der Frau
großer Klß
des Mannes

Übersicht 2: Wortigkeitskriterien (Wurzel 2000: 41)

'Echte morphologische Wörter' sind Wörter, die die Kriterien 'Nichtunterbrechbarkeit' und 'einheitliche Flexion' erfüllen. 'Morphologische Semiwörter' sind Wörter, die das Kriterium 'syntaktischer Wortstatus' und eines der anderen beiden Kriterien erfüllen (vgl. Wurzel 2000: 40).2

Die Gegenüberstellung der Konzepte 'Wortart' und 'Ausdrucksart' setzt auf den Stufen 1 und 3 der Wurzel'schen Wortigkeitsskala an: Echte morphologische Wörter bilden den prototypischen Kern der zu Wortarten zu klassifizierenden Sprachzeichen. Wurzels 'Phrase mit partiellen Worteigenschaften' deckt sich teilweise mit dem hier vertretenen Ausdrucksbegriff. Der Ausdrucksbegriff ist allerdings etwas enger, wie die Diskussion der Kriteriengruppe II zeigen wird. Die Behandlung von Semiwörtern als Wort- oder Ausdrucksarten möchten wir an das Kriterium der Nichtunterbrechbarkeit binden: Semiwörter, auf die das Kriterium der Nichtunterbrechbarkeit zutrifft, können als Wortarten klassifiziert werden, unterbrechbare Semiwörter als Ausdrucksarten.

Ad 2: Mit dem zweiten Kriterium wird eine Gemeinsamkeit von Wort- und Ausdrucksarten erfasst. Mit dem Kriterium der Nicht-Satzwertigkeit ist gemeint, dass nur Ausdrücke unterhalb der Satzgrenze für die Ausdrucksartenklassifizierung in Frage kommen. Satzwertige idiomatische Ausdrücke wie bspw. Sprichwörter (Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm) werden ausgeklammert, weil wir davon ausgehen, dass mit der Klassenbildung solche Elemente erfasst werden sollten, die potentielle Konstituenten größerer syntaktischer Einheiten bilden können. D. h., die Klassenbildung ist deshalb relevant, weil damit die Klassen erfasst werden, die Funktionen im Rahmen größerer Einheiten übernehmen. Damit wäre bereits ein Unterschied zwischen den Konzepten 'Phraseologismus' und 'Ausdrucksart' benannt: Der Terminus 'Phraseologismus' bezeichnet sowohl satzwertige als auch satzgliedwertige Wortverbindungen (vgl. Burger 2007: 37). 'Ausdrucksart' dagegen stellt ein Konzept dar, das Wortverbindungen für weiterführende syntaktische Analysen kategorial fassen soll.

Wir möchten noch einmal betonen, dass die Kriterien 1 und 2 das Ausdrucksartenkonzept als komplementäres Konzept zum Wortartenkonzept ausweisen: Mit Kriterium 1 werden 'Wort' und 'Ausdruck' voneinander abgegrenzt, Kriterium 2 dagegen erfasst den 'Ausdruck' als Kategorie im Sinne Eisenbergs. Beide Kriterien sind keine Kriterien zur Erfassung des 'Ausdrucks' im Feilke'schen Sinne, im Gegenteil: Die hier vorgeschlagene Beschränkung auf polylexikalische und nicht satzwertige Ausdrücke ist bei Feilke nicht vorgegeben. Mit den hier vorgestellten Kriterien wird folglich nur die Teilmenge der Feilke'schen Ausdrücke erfasst, die als relevant für das zum Wortartenkonzept komplementäre Ausdrucksartenkonzept angesehen wird.

Ad 3: Aus Feilkes 'Kombinations- und Selektionspräferenzen' lässt sich als Kriterium die Nichtaustauschbarkeit der Bestandteile von Ausdrücken ableiten. Das wurde in Bezug auf einige Beispiele bereits deutlich: hin und wieder kann nicht ersetzt werden durch dahin und erneut, hin und her nicht durch dahin und dorthin. Ausdrücke, die keinen ersetzbaren Bestandteil aufweisen, möchten wir feste Ausdrücke nennen. Neben festen Ausdrücken gibt es noch solche Ausdrücke, die neben nicht austauschbaren auch austauschbare Bestandteile enthalten. Ein Beispiel dafür bietet folgender Junktionsausdruck:

(8)

Die die beiden Konnekte einleitenden sos sind nicht austauschbar, sie sind feste Bestandteile des Ausdrucks. Die Position der Adjektive dagegen ist lexikalisch beliebig füllbar. Im Gegensatz zu den festen Ausdrücken nennen wir diese Ausdrücke Ausdrucksmuster.

Ad 4: Schließlich geht es noch darum, ein Kriterium dafür zu finden, dass Ausdrücke idiomatisch geprägt sind und dass die Ausdrucksbedeutung kompositionell nicht prädiktabel ist. Da es hier um das Erschließen von Ausdrücken für die grammatische Satzanalyse geht, werden wir die Frage, wie man die idiomatische Geprägtheit semantisch begründen kann, außen vor lassen und uns auf die Suche nach syntaktischer Evidenz für die idiomatische Geprägtheit begeben. Wenn das syntaktische Verhalten des Ausdrucks im Satz nicht aus der internen Struktur des Ausdrucks berechenbar ist, betrachten wir dies als Indiz für die idiomatische Prägung. Voraussetzung für die Annahme eines Ausdrucks ist folglich, dass sowohl eine interne als auch eine externe Struktur vorliegen und dass diese nicht kompatibel sind.

In Bezug auf Phraseologismen wird häufig von einer internen und externen Struktur gesprochen,3 meist in Bezug auf valenzielle Eigenschaften. So beschreibt bspw. Barbara Wotjak (1992: 56; 2007: 44) das valenzielle Verhalten des Wortidioms Sand in die Augen streuen folgendermaßen4:

a) WI-Aktantenpotenzial (= externe Valenz): Sn – WI – Sd
b) Interne Valenz des WI: internes Verb – Sa – pS

Während Wotjak die interne Valenz kategorial erfasst, finden sich auch relationale Beschreibungen interner Valenz, wie bspw. bei Harald Burger (2007: 43) in Bezug auf den Phraseologismus jmdn. an den Bettelstab bringen:

  [Verb + Akkusativobjekt + präpositionales Adverbiale]

Die Subjekt-Valenz komme in diesem Fall "als externe Valenz hinzu" (ebd.). Ob die interne Struktur auf diese Art und Weise sinnvoll erfasst werden kann, sei hier dahingestellt. Wichtig ist aber, a) dass – auch wenn die interne Struktur der synchronen Analyse nur bedingt zugänglich ist – eine interne und eine externe Struktur vorhanden ist und b) dass interne und externe Struktur nicht kompatibel sind, d. h., dass die Art und Weise, wie sich ein Ausdruck extern in eine größere syntaktische Struktur integriert, nicht berechenbar ist aus seiner internen Struktur: Die Tatsache, dass Sand in die Augen streuen als Wortidiom über eine externe Valenz verfügt, lässt sich nicht aus der von Wotjak beschriebenen internen Struktur dieses polylexikalischen Valenzträgers ableiten.

Die bisher vorrangig syntaktisch motivierte Unterscheidung interner und externer Strukturen lässt sich durch Feilkes zeichentheoretisch motivierte Unterscheidung von interner und externer Idiomatizität untermauern.

1. Ebene der I-Idiomatizität
signifiant
signifié
 
2. Ebene der E-Idiomatizität
signifiant
signifié

Übersicht 3: Modell der doppelten Signifikation (Feilke 1996: 202)

Dabei bedeutet 'i-idiomatisch': "Die Ausdrucksbedeutung ist syntaktisch und semantisch nicht motiviert und bildet aus diesem Grunde eine Einheit" (1996: 203). 'E-Idiomatisch' dagegen bedeutet externe idiomatische Prägung im Gebrauchszusammenhang (1996: 204). I‑idiomatische Ausdrücke verfügen über eine interne Zeichenstruktur der Zuordnung eines signifié zu einem signifiant. Als Beispiele führt Feilke jmd. ins Bockshorn jagen und ab und zu an. Hier ist die Idiomatizität unabhängig vom Gebrauchszusammenhang. Dagegen erfolgt die Zuschreibung des signifié zum signifant e-idiomatischer Ausdrücke wie etwa Sprichwörter (als komplexe Zeichen) erst im Gebrauch.

Zwar ist nicht jeder e-idiomatische Ausdruck auch i-idiomatisch, aber "jeder i-idiomatische Ausdruck ist auch e-idiomatisch, insofern er reflexiv auch immer wieder im Sprechen an einen typisierten Gebrauchszusammenhang rückgebunden wird" (1996: 206).

Die Anwendung der Kriterien auf einige der obigen Beispiele ergibt folgendes Bild:

  K1
poly-lexikalisch
K2
nicht satzwertig
K3
Bestandteile nicht austauschbar
K4
interne + externe Struktur nicht kompatibel
Hin und Her (3) x x *dahin und dorthin Adverb + Konjunktor + Adverb ≠ Nomen
hin zu (5) x x *dahin bis Adverb + Präposition ≠ Präposition
hin und weg (7) x x *dahin und verschwunden Adverb + Konjunktor + Adverb ≠ Adjektiv

Übersicht 4: Anwendung der Ausdruckskriterien auf ausgewählte Beispiele

Hin und Her: Der Ausdruck besteht aus drei Wörtern und ist nicht satzwertig. Seine Bestandteile sind nicht austauschbar, man kann also nicht etwa sagen dahin und dorthin. Der Ausdruck verhält sich extern wie ein Nomen, und der Eingliederung in die durch nacheingeleitete Präpositionalgruppe. Dieses Verhalten ist nicht aus der internen Struktur Adverb + Konjunktor + Adverb ableitbar.

Hin zu besteht aus zwei Wörtern und ist nicht satzförmig. Die Bestandteile sind nicht etwa durch dahin bis austauschbar. Zwar enthält der Ausdruck eine Präposition, die auf den präpositionalen Gebrauch des Ausdrucks hinweisen könnte, das präpositionale Verhalten ist aber nicht aus der Verbindung der Präposition mit dem Adverb berechenbar.

Hin und weg besteht aus drei Wörtern, ist nicht satzförmig und nicht ersetzbar etwa durch dahin und verschwunden. Hin und weg übernimmt im Satz die Funktioneines Prädikativums, verhält sich also wie ein Adjektiv. Diese Tatsache kannman nicht aufgrund der internen Struktur 'Adverb + Konjunktor + Adverb' berechnen.


5 Ausdrucksartenklassifikation

Um Ausdrucksarten als komplementäres Konzept zu Wortarten einzuführen, wurde in Kapitel 3 das diesem Vorschlag zu Grunde liegende Konzept von 'Ausdruck' vorgestellt. Im Folgenden wird es um die Frage gehen, was eigentlich unter 'Art' zu verstehen ist und wie wir zu einer Artenbildung gelangen können.

Eugenio Coseriu unterscheidet induktive Wortklassen und deduktive Wortkategorien. Wortkategorien sind bei Coseriu "Kategorien des Sprechens, 'universelle' Bedeutungsweisen, die in der tatsächlichen Sprechtätigkeit festgestellt und ohne notwendigen Bezug auf eine bestimmte Sprache definiert werden" beschreibt (1987: 33). Wortklassen dagegen sind einzelsprachliche, induktiv auf der Basis von "formalen Schemata" gewonnene Lexikoneinheiten (Coseriu 1987: 34). Wortkategorien sind also universell und deduktiv bestimmbar, Wortklassen einzelsprachlich und induktiv. Ágel schlussfolgert aus dieser Unterscheidung, "dass morphologisch und syntaktisch begründete Wortartensysteme nur Wortklassensysteme darstellen können" (2005: 109). Da vorliegender Beitrag eine grammatische Perspektive auf die Wort- und Ausdrucksartenfrage verfolgt, wird es im Folgenden um Fragen der Wort- und Ausdrucksartenklassifikation gehen.5

Eine Ausdrucksartenklassifikation könnte sich prinzipiell an einer Wortartenklassifikation orientieren und Ausdrücke parallel zu Wörtern klassifizieren. Da es bekanntlich kein allgemeingültiges Wortartensystem gibt, stellt sich die Frage, welches Wortartensystem zur Grundlage gemacht wird. Die Auswahl des Wortartensystems hängt von der jeweiligen Perspektive auf eine mögliche Ausdrucksartenklassifikation ab. Da, wie eingangs erwähnt wurde, in vorliegendem Beitrag eine Schwerpunktsetzung auf Fragen der grammatischen Klassenbildung erfolgt, muss ein auf grammatischen Kriterien basierendes Wortartensystem zugrunde gelegt werden. Aufgrund der Ausrichtung des Beitrags auf Belange des Deutschen als Fremdsprache folgen wir hier dem Wortartensystem Helbig/Buschas. Sie gehen von den folgenden neun Wortklassen aus:

Verb
Substantivwörter (inklusive sich substantivisch verhaltender Pronomina)
Adjektiv
Adverb
Artikelwörter (inklusive sich determinativ verhaltender Pronomina)
Fügewörter (Präpositionen, Konjunktionen, Subjunktionen, Adjunktionen)
Partikeln (Abtönungspartikeln, Gradpartikeln, Steigerungspartikeln)
Modalwörter
Satzäquivalente

Ausgehend von diesem Wortartensystem kann man nun fragen, ob es Ausdrücke gibt, die sich so wie diese Wortarten verhalten. Hinweise darauf finden sich durchaus in verschiedenen Grammatiken des Deutschen, die einzelnen Wortarten auch Ausdrücke zuordnen. Beispiele für in Grammatiken zu findende Ausdrücke sind:

Kon- und Subjunktionen: weder noch, gerade als, erst als, um so mehr als, ohne dass, zugegeben dass etc. (Duden-Grammatik 2005: 1086–1113)
(sekundäre) Präpositionen: auf der Basis, in Anbetracht, im Falle (Helbig/Buscha 2001: 354)6
bereits nicht mehr, nicht einmal7 (IDS-Grammatik 1997: 871)
Nominalisierungsverben und Funktionsverben als Subtypen der Wortart 'Verb': eine Vereinbarung treffen, in Verlegenheit geraten, zur Kenntnis nehmen (IDS-Grammatik 1997: 53)

Um die Berücksichtigung einzelner Ausdrücke kommen die Grammatiker also offenbar nicht umhin. Diese Berücksichtigung geschieht aber ausschließlich implizit, d. h., die polylexikalischen Elemente werden den Wortarten zugeordnet, ohne – abgesehen von Funktionsverbgefügen – explizit die damit verbundene Problematik zu erörtern.

Eine zur Wortartenklassifikation analoge Ausdrucksartenklassifikation würde die obigen Beispiele folgendermaßen einordnen:

Konjunktionsausdruck: weder noch
Subjunktionsausdruck: gerade als, erst als, um so mehr als, ohne dass, zugegeben dass
Präpositionalausdruck auf der Basis, in Anbetracht, im Falle
Gradierungsausdruck: bereits nicht mehr, nicht einmal
Verbalausdruck: eine Vereinbarung treffen, in Verlegenheit geraten, zur Kenntnis nehmen

Nach diesem Muster könnte in Bezug auf weitere Wortarten gefragt werden, ob es parallele Ausdrucksarten gibt. Die folgende Übersicht soll dies illustrieren:

Wortart bei Helbig/Buscha8 Ausdrucksart Beispiel9
Verb Verbalausdruck Die Bewohner rings um den Flughafen werden die Nachricht mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.
Substantivwort Substantivausdruck Die These, daß das Wohl und Wehe eines Senders nur von attraktiven Sportrechten abhängig ist, stimmt nicht.
Adjektiv Adjektivausdruck Aber schließlich ist es nur recht und billig, daß Aktienbesitzer angesichts der Gewinnmöglichkeiten damit leben müssen.
Adverb Adverbausdruck Vielleicht sollte man ab und zu Bus fahren.
Artikelwort Artikelausdruck Es ist einsichtig, dass ein solcher Vorstoß Betriebsräten in anderen Firmen nicht schmeckt.
Präposition Präpositionalausdruck Wo Männer meist noch Unterstützung finden, fehlt diese im Falle einer Frau fast immer.
Konjunktion Konjunktionsausdruck Eine mathematische Wahrheit ist weder einfach noch kompliziert – sie ist!
Subjunktion Subjunktionsausdruck Erst als die Lokalzeitung im Ort vor wenigen Tagen darüber berichtete, trat er die Flucht nach vorn an.
Adjunktion Adjunktionsausdruck Denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.
Abtönungspartikel Abtönungsausdruck Die glauben doch wohl nicht, dass wir den Weg dorthin nicht finden.
Gradpartikel Gradierungsausdruck Boris Jelzin gewährte Sadornow indes nicht einmal eine Audienz.
Steigerungspartikel Steigerungsausdruck Wir sind an ihm sehr stark interessiert.
Modalwort Modalausdruck10 Nur dem Anschein nach hatten sie aus den Fehlern der vergangenen Partie gelernt.
Satzäquivalent Satzausdruck S1: und was wäre ein guter z+ Goethe +z ohne7 ( sagen wir7 ) eine Frau z+ von Stein06 +z ? ( das kann man sich k+ schwer vorstellen09 +k )
[...]
S 3: ( ja gut

Übersicht 5: Ausdrucksartenklassifikation in Analogie zu Helbig/Buschas Wortartenklassifikation

Eine solche Klassifikation polylexikalischer Einheiten aufgrund von Eigenschaften, über die auch Wörter verfügen, wird auch in der Phraseologie vorgenommen (vgl. Fleischer 1997: 138–161, Korhonen 2002: 402–404). Dass solche Klassifikationen keinen Eingang in die Grammatikschreibung finden, ist ein Indiz für das u. a. von Harald Burger beklagte unbefriedigende Verhältnis von Phraseologie und Grammatik (2004: 29–31).

Wolfgang Fleischer (1997: 138) weist darauf hin, dass "die in Frage kommenden Phraseologismen nach ihrem Verhältnis zu den in Wortklassen geordneten Wörtern gruppiert werden können." Dabei geht er von folgenden Entsprechungen zwischen Phraseologismus und wortklassenbestimmtem Wort aus (Fleischer 1997: 138f.).

1. Der Phraseologismus übernimmt – wie das Wort – als Ganzes eine syntaktische Rolle als Satzglied.
2. Der Phraseologismus verfügt über die gleichen morphologisch-grammatischen Kategorien wie die jeweils wortklassenäquivalenten Wörter: als "Substantiv" und "Adjektiv" über Genus, Numerus, Kasus; als "Verb" über Tempus, Person, Numerus.
3. Der Phraseologismus ist ebenfalls der Valenz unterworfen. [...]
4. Phraseologismen unterliegen – wie Wörter – bei der Verknüpfung im Satz den Forderungen der semantischen Kongruenz.

Fleischer (1997: 139) unterscheidet aufgrund der Kriterien 'Wortart der Komponenten', 'mögliche Satzgliedrolle' und 'morphologisches Paradigma' folgende Klassen von Phraseologismen:

1. substantivische,
2. adjektivische,
3. adverbiale,
4. verbale.

Auffällig ist dabei, dass nur Autosemantika berücksichtigt werden. Synsemantische Phraseologismen wie Präpositionalausdrücke oder Subjunktionsausdrücke kommen in Fleischers morphologisch-syntaktischer Klassifikation nicht vor. Das könnte damit zusammenhängen, dass das Interesse der Phraseologie offenbar – in der Terminologie von Burgers "Basisklassifikation" (2007: 36) – vorrangig den referentiellen und den kommunikativen Phraseologismen gilt. Strukturelle Phraseologismen dagegen "haben 'nur' eine Funktion innerhalb der Sprache, nämlich die Funktion, (grammatische) Relationen herzustellen". Diese Gruppe bezeichnet Burger deshalb als die "am wenigsten interessante" (ebd.). Wenn strukturelle Phraseologismen bzw. synsemantische Ausdrucksarten für die Phraseologie von untergeordnetem Interesse sind, sollten gerade diese in der Grammatikforschung stärkere Beachtung finden.


6 Noch einmal: Wortschatzvermittlung im DaF-Unterricht

Wie wir gesehen haben, stellt das Phänomen der Wortebenenüberschreitung kein exotisches Phänomen, sondern sprachliche Realität dar. Das vorgestellte linguistische Konzept der Ausdrucksarten erscheint uns demzufolge auch für die Fremdsprachenlehrforschung und im Unterricht DaF brauchbar: Zum einen wird damit das Bewusstsein für die Problematik und Ergänzungsbedürftigkeit des Wort- und Wortartenbegriffs geschärft, zum anderen können ausgehend von diesem Problembewusstsein neue bzw. ergänzende Wege der Wortschatzvermittlung im Unterricht gewählt werden. Ein fundiertes Wissen und Problembewusstsein in bezug auf die Wort- und Wortartenproblematik ist daher auch für DaF-Lehrende unerlässlich.

Da im vorliegenden Beitrag eine primär linguistische Perspektive eingenommen wurde, sollen im Folgenden lediglich einige Anhaltspunkte zur didaktischen Umsetzung des Ausdrucksartenkonzeptes formuliert werden.

Eine Berücksichtigung des Ausdrucksartenkonzeptes im Unterricht lässt sich u. E. ganz integrativ bewerkstelligen, indem das Vermitteln wortwertiger Einheiten durch eine Vermittlung von die Wortebene überschreitenden sprachlichen Einheiten ergänzt wird, ohne deren Bedeutung analytisch, d. h. in unserem Falle kompositional, erfassen zu wollen (und zu können). D. h. es sollte zum methodischen Normalfall werden, bei der Erarbeitung eines Wortfeldes auch polylexikalische Einheiten zu vermitteln. Findet bspw. Wortschatzarbeit am grammatischen Feld 'Subjunktion' statt, so sollten hierbei nicht nur wortwertige, sondern auch ausdruckswertige Subjunktionen Beachtung finden. Folgender 'Wortigel' soll dies verdeutlichen11:

Übersicht 6: Wortigel

Ein solches Vorgehen bei der Wortschatzvermittlung wird zum einen neueren Forderungen der Fremdsprachenlehr- und -lernforschung nach holistischerem Wortschatzlernen, dem Lernen 'ganzer Versatzstücke' (sog. 'chunking') gerecht. Zum anderen gewährt eine solche Herangehensweise an Wortschatzvermittlung eine größere Realitätsnähe der vermittelten sprachlichen Einheiten und entspricht damit den Ansprüchen eines modernen, kommunikativen Unterrichts.


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Anmerkungen

* Die Arbeitsteilung bei der Erstellung des vorliegenden Beitrages gestaltete sich folgendermaßen: Der linguistische Ansatz zu Ausdrucksarten (Kapitel 2–5) stammt von Mathilde Hennig. Die Überlegungen zur Einbindung in den DaF-Kontext sind von Isabel Buchwald-Wargenau (Kapitel 1 und 6). Im Text verzichten wir auf eine Zuweisung der Autorenschaft etwa durch Wechsel der Personenreferenz, um die Lesbarkeit nicht dadurch einzuschränken.
Wir danken Vilmos Ágel für anregende Diskussionen zum Ausdrucksartenkonzept und Ramona Bitter-Karas für Kommentare zum Beitrag.
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1 Die Auffassung, polylexikalische Einheiten seien Grundeinheiten der grammatischen Modellbildung, wird auch im Rahmen der 'construction grammar' vertreten, vgl. bspw. Adele Goldberg: "The basic tenet of Construction Grammar [...] is that traditional constructions – i.e. form-meaning correspondences – are the basic units of language" (1995: 6). zurück

2 Ágel gelangt mit einer Verfeinerung der Wurzel'schen Kriterien zu einer dreizehnstufigen Wortigkeitsskala, die er auch auf polylexikalische Einheiten anwendet (2004b: 32–44). Diesen Ansatz greifen wir hier nicht auf, weil auf der Grundlage einer so ausdifferenzierten Wortigkeitsskala im Grunde keine Wortarten mehr ermittelt werden können, sondern allenfalls Wortigkeitsarten, die gleichermaßen auf mono- und polylexikalische Einheiten anzuwenden wären. zurück

3 Die Annahme einer internen und externen Struktur findet sich auch in der Construction Grammar: "On the level of syntax, we distinguish for any construction in a language its external and its internal properties. In speaking of the external syntax of a construction we refer to the properties of the construction as a whole, that is to say, anything speakers know about the construction that is relevant to the larger syntactic contexts in which it is welcome. By the internal syntax of a construction we have in mind a description of the construction's make-up" (Fillmore 1998: 36). zurück

4 Ágel dagegen beschreibt die externe und interne Struktur ausgehend von der Annahme einer Aktantenhierarchie. Dabei geht er davon aus, dass das in der Hierarchie jeweils letzte Argument gemeinsam mit dem Verb den Valenzträger bildet (vgl. die Übersicht in 2004a: 78). Die Binnenstruktur phraseologischer Valenzträger erfasst Ágel kategorial, indem er die beteiligten Phrasentypen aufführt. Die Tatsache, dass es konkurrierende Auffassungen zur Erfassung der internen und externen valenziellen Struktur von Phraseologismen gibt, soll hier nicht weiter verfolgt werden, da es für die hier interessierende Fragestellung zunächst nur relevant ist, dass es polylexikalische Ausdrücke gibt, die über eine interne und eine externe Struktur verfügen. zurück

5 Wenn im Folgenden trotz dieser Festlegung häufig die Termini 'Kategorie' und 'Kategorisierung' anzutreffen sein werden, so liegt das daran, dass die oben erwähnte strikte Trennung von 'Klasse' und 'Kategorie' keineswegs allgemeiner Usus in der Linguistik ist, vielmehr wird 'Kategorie' häufig als Oberbegriff für induktiv und deduktiv gewonnene Gruppen verwendet. zurück

6 Zwar sprechen Helbig/Buscha von "Wortgruppen aus Präposition + Substantiv" (2001: 354), ordnen diese aber als Subtypen von Präpositionen ein. zurück

7 In Bezug auf nicht einmal findet sich die Einordnung "zweigliedriger Ausdruck" (1997: 871), diese ist aber nicht theoretisch im Sinne eines Ausdrucksartenkonzepts untermauert. zurück

8 Diese Liste enthält nicht die neun Wortklassen, sondern teilweise – bei den Fügewörtern und Partikeln – die Subtypen dieser Wortklassen. zurück

9 Alle Beispiele sind – wie auch die Beispiele 2–7 aus Cosmas entnommene Belege aus der Frankfurter Rundschau. Das letzte Beispiel ist der Datenbank Gesprochenes Deutsch entnommen. zurück

10 Modalausdrücke fallen etwas aus dem oben skizzierten Rahmen, weil das Kriterium der Nicht-Satzwertigkeit nur eingeschränkt auf sie zutrifft. Zwar werden sie im prototypischen Fall als Konstituenten von Sätzen gebraucht und bilden keine eigenständigen propositionalen Einheiten, sie sind aber "Kondensate von Sätzen, die Einstellungen ausdrücken" (Helbig/Buscha 2001: 434). Die hier angedeutete Problematik, dass es sich bei Modalwörtern und –ausdrücken um Einstellungsoperatoren handelt, die somit auf einer anderen Ebene als zum propositionalen Gehalt von Sätzen beitragende Wörter und Ausdrücke liegen, kann hier noch keine Berücksichtigung finden, vgl. aber Hennig i. V. zurück

11 Hier werden nur exemplarisch einige Subjunktoren angeführt, es wird natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. zurück