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Rußlanddeutsche Jugendliche in Meckenheim

oder

Der Zusammenhang von Sprache und Identität

Birte v. Wiarda (Frankfurt/Oder)


 
"(...) wenn die einzelnen in einer Klasse sind, die neigen schon zur Anpassung. Aber sie sind nicht einzeln. Sie hocken zusammen. Sie sprechen nur Russisch. Sie sprechen in den Gruppen Russisch und stören den Unterricht. Die beschweren sich, daß sie als Russen bezeichnet werden - aber sie reden ja nur Russisch. Sie hocken nur zusammen. Sie haben keine oder nur wenig Kontakte mit anderen Schülern, zu den Ausländern erst recht nicht - und wundern sich, dass sie als Russen beschimpft werden."

(Zitat des Rektors einer Meckenheimer Hauptschule)

1 Einleitung

Der vorliegende Text berichtet über eine Untersuchung, die 1997 in Meckenheim durchgeführt wurde. Zwei Cliquen von jugendlichen Aussiedlern, die sich in Bezug auf Aufenthaltsdauer in Deutschland, Alter, als auch sprachlicher Sozialisation im Herkunftsland deutlich von einander unterscheiden, wurden Fragen in Bezug auf ihr Sprach - und Sozialverhalten in der Bundesrepublik gestellt. In Meckenheim bei Bonn leben ca. 2000 russlanddeutsche Aussiedler, die als Teil von etwa 200 000 Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen. Nachdem in früheren Jahren die eher geringe Zahl von Aussiedlern relativ unauffällig integriert worden ist, führt die massive Zuwanderung seit Ende der achtziger Jahre zu Problemen.

Es ist vor allem die jüngste Generation von russlanddeutschen Einwanderern, die heute "Probleme" macht, eine Generation, die zu alt ist, um in die gegebenen Strukturen hineinzuwachsen und gleichzeitig zu jung, um ihr Schicksal selbstbestimmt in die Hand zu nehmen und die aufkommenden Probleme emotional als auch rational zu verarbeiten. Es sind die 15 -18 jährigen Aussiedler, deren Lage in den Medien mit Ghettoisierung, Verweigerung und erhöhter Kriminalität beschrieben wird.

Seit einiger Zeit hat sich auch die Stimmung innerhalb der Bevölkerung von Meckenheim gegenüber den Aussiedlern zum Negativen hin geändert. Wurden diese zunächst von der Stadt mit offenen Armen empfangen, so spürte man mit vermehrtem Zuzug stärkere Vorbehalte, vor allem gegenüber den jugendlichen Aussiedlern. Überschriften wie "Thema Gewalt in Meckenheim" (Generalanzeiger 1995: 7), "Sozialarbeiterin soll für Ruhe sorgen" (Wimmeroth 1995: 6) oder "Muß denn erst jemand totgeschlagen werden?" (Mosdzien 1995: 7) geisterten durch die Presse. Der Begriff "Russengang" (Mosdzien 1995: 7) ist in aller Munde, und auch von der Mafia ist die Rede. Aussprüche wie "man kann nachts nicht mehr unbewaffnet durch die Straßen gehen" begegnen einem im Kontakt mit Einheimischen. Im Anschluß an einen Diskothekenabend im Jugendzentrum wurde ein großes Polizeiaufgebot in Erwartung von Schlägereien eingesetzt.

Grund für diese Stimmung, die die Gemüter der Meckenheimer seit einiger Zeit erhitzt, mag das Auftreten von einigen männlichen Aussiedlerjugendlichen sein, welches vielen Einheimischen als "unverschämt offensiv" und "aggressiv" erscheint. Das Verhalten dieser Jugendlichen ist durch Cliquenbildung und demonstratives Zurschaustellen ihrer russischen Identitätsanteile, z.B. durch den Gebrauch der russischen Sprache, das Sprühen russischer Graffitis etc., geprägt. Diese Haltung stößt bei der Meckenheimer Bevölkerung auf Ablehnung und führt zu teilweise aggressiven Konfrontationen im Kontakt mit gleichaltrigen Einheimischen. In einigen Fällen führt dieses Gruppenverhalten der Aussiedlerjugendlichen zu einer Verweigerung des Lernens der deutschen Sprache.

Anhand einer Analyse des sprachlichen Verhaltens als auch ihrer sprachlichen Umgebung wird untersucht, inwieweit in dem Sprachverhalten zweier Gruppen von Jugendlichen Aufschlüsse über eine verunsicherte Gruppenidentität gegeben sind, wie andererseits ihre entsprechende Identität ihr Sprachverhalten steuert und möglicherweise blockiert und was für eine Rolle ihre sprachliche und außersprachliche Umgebung dabei spielt. Hierbei liegt stets der Schwerpunkt der Betrachtung weniger auf dem Einzelnen, als auf der Gruppe des Jugendlichen, der sogenannten Peer-Group.

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, was für Faktoren zur Verweigerung der kulturellen und sprachlichen Integration einer solchen Gruppe führen kann, während diese bei einer anderen Gruppe am gleichen Ort anders verläuft.


2 Die Befragung

Grundlage der vorliegenden Arbeit sind die Ergebnisse einer Befragung, die 1997 mit zwei unterschiedlichen Gruppen von jugendlichen Aussiedlern in Meckenheim durchgeführt wurde. Aus jeder Gruppe wurden 12 Personen befragt, die tatsächliche Gruppenstärke wird jeweils auf ca. 20 Personen geschätzt.

Die Befragung erfolgte, indem die Jugendlichen an ihren alltäglichen Treffpunkten, einer Brücke am Rande Meckenheims ("Brückengruppe") sowie dem Keller eines Übergangwohnheims ("Notunterkunftsgruppe"), aufgesucht und mit Hilfe von Fragebogen und Tonbandgerät interviewt wurden. Die Jugendlichen zeigten sich gegenüber der Befragung aufgeschlossen und auskunftsbereit. Die Gespräche fanden in der deutschen Sprache - teilweise mit Unterstützung jugendlicher "Dolmetscher" - statt.


3 Die Gruppen

Die Jugendlichen der Brückengruppe sind im Durchschnitt 17 Jahre und die der Notunterkunftsgruppe 15,7 Jahre alt. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Deutschland beträgt bei der Brückengruppe 4 Jahre und bei der Notunterkunftsgruppe 2,6 Jahre. Aus diesen Zahlen laßt sich erkennen, daß das Durchschnittsalter der Mitglieder beider Gruppen zum Zeitpunkt der Einreise in Deutschland ca. 13 Jahre betrug. Die Notunterkunftsgruppe lebt im Schnitt seit 2,7 Jahren in Deutschland, die Notunterkunftsgruppe seit 1,8 Jahren.

Die beiden Gruppen unterscheiden sich hinsichtlich ihres Sprach- als auch Sozialverhaltens voneinander:

Während die Brückengruppe sich eher aufgeschlossen gegenüber der bundesdeutschen Gesellschaft zeigt, ist das Verhalten der Notunterkunftsgruppe durch Abgrenzung von den Einheimischen bis hin zu einer Verweigerungshaltung in bezug auf das Erlernen der hochdeutschen Sprache geprägt. Jene Gruppe, die sich als eher aufgeschlossen gegenüber der bundesdeutschen Gesellschaft zeigte, gab als Muttersprache überwiegend den russlanddeutschen Dialekt an, während die andere Gruppe ausschließlich die russische Sprache als Muttersprache nannte.

Betrachtet man den biographischen Hintergrund der Mitglieder beider Gruppen, so ergeben sich hierin signifikante Unterschiede:

Die Mitglieder der Brückengruppe lebten vor ihrer Aussiedlung überwiegend in ländlichen Gebieten, während der überwiegende Anteil der Mitglieder der Notunterkunftsgruppe vorher in einer Stadt gelebt hatte.

Abb. 1: Stadt oder Landbevölkerung

Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der ethnischen Zusammensetzung des früheren Wohngebiets: Demnach kommt von der Brückengruppe der überwiegende Anteil aus homogenen deutschen Dörfern, innerhalb der Notunterkunftsgruppe ist dieser Anteil sehr gering.

Abb. 2: Deutscher Bevölkerungsanteil im Herkunftsort

Während innerhalb der Brückengruppe alle Elternteile deutschstämmig sind, sind von der Notunterkunftsgruppe fünf Elternteile nichtdeutscher Abstammung.

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Abb. 3: Abstammung der Eltern

Hinsichtlich der Auskünfte über die ethnische Zusammensetzung des Wohngebietes im Herkunftsland sowie der Herkunft der Eltern deuten sich bereits Unterschiede in der sprachlichen Sozialisation der Jugendlichen beider Gruppen sowie ihrer ethnischen Identität an. Es wird ersichtlich, daß die Brückengruppe insgesamt im Herkunftsort mehr Kontakt zur deutschen Sprache hatte und läßt erahnen, daß der Anteil einer deutschen bzw. russlanddeutschen Identität bei ihnen stärker ausgeprägt ist als bei den Mitgliedern der Notunterkunftsgruppe, von denen die überwiegende Zahl (67%) aus Gebieten kommt, in denen der Anteil von Deutschstämmigen weniger als 30% betrug.


4 Ethnische Kleingruppe oder normale Peer-Group?

Die Beziehungen von Kleinkindern, Schulkindern und von Jugendlichen sind ein wichtiges Thema entwicklungspsychologischer, sozialpsychologischer und soziologischer Arbeiten. In zahlreichen Studien wird aufgezeigt, daß diese Beziehungen zu Gleichaltrigen in jeder Entwicklungsphase des Heranwachsenden ihre Bedeutung haben, ähnlich wie die der Familie (vgl. KRAPPMANN 1980:443). So auch die ausgeprägten Gruppenbeziehungen während der Adoleszenz. Während die Adoleszenzkrise dem Jugendlichen die Auseinandersetzung mit angebotenen sozialen Rollen, erwarteten Handlungsmustern und geforderten Leistungen der Erwachsenenwelt bringt, gibt ihm die Gruppe der Gleichaltrigen wichtige Unterstützung, um diese Phase durchzustehen.

Bei jugendlichen Aussiedlern zeigt sich die Tendenz, auch noch lange Zeit nach ihrer Aussiedlung unter sich zu bleiben, obwohl sie häufig den starken Wunsch verspüren, einen Zugang zu den Einheimischen zu finden (vgl. SUSS 1995:143; vgl. auch JUGEND BERUF GESELLSCHAFT 1994: 60-63). Die Einbindung der Jugendlichen in ihre eigenen Sozialisationszusammenhänge hilft ihnen, ihre anfängliche Desorientierung und soziale Isolation zu mildern und eine stabile Ich-Identität aufzubauen.

Es gibt jedoch viele Gründe, weshalb Jugendliche sich in unterschiedlichen Gruppen zusammenfinden, und es gibt eine Reihe von Indizien, die darauf hinweisen, daß die Zusammensetzung dieser beiden Gruppen auch auf ethnische Motive zurückzuführen ist. Entscheidend für die Formung von ethnischer Identität ist nach Fishman (vgl. FISHMAN 1977:17) das Zusammenspiel der drei Faktoren "paternity" (biologische Abstammung), "patrimony" (kulturelles Erbe) und "phenomenology" (das Wertesystem, mit dem eine Ethnie sich selbst und andere Ethnien betrachtet).

Die Jugendlichen beider Gruppen beschreiben eindeutig die gemeinsame Abstammung als wichtiges Moment für die Bildung von Freundschaften.

Abb. 4: Herkunft der besten Freunde

Ein Grund dafür scheint in der gemeinsamen Vergangenheit zu liegen, an der die bundes-deutschen Jugendlichen nicht teilhatten

Auf die Frage, was die bundesdeutschen Jugendlichen nicht verstehen könnten, da sie nie in Russland gelebt haben, kamen Antworten wie:

den Zusammenhalt zwischen den Menschen

daß Schlägereien dort normaler waren

daß man sich dort mehr durchkämpfen mußte

das Landleben

das Aussehen.

Diese Punkte können als Art und Weise zu leben oder auch als "Aspekte eines kulturellen Erbes" der russlanddeutschen Jugendlichen gedeutet werden. Entscheidend für die Formung von ethnischer Identität ist jedoch nicht nur, dass eine gemeinsame Abstammung sowie ein gemeinsames kulturelles Erbe existieren, sondern auch die Art und Weise, wie dieses bewertet wird. Die Jugendlichen der beiden untersuchten Gruppen empfinden sich als relativ unterschiedlich im Vergleich zu den bundesdeutschen Jugendlichen, wobei diese Tendenz bei den Mitgliedern der Notunterkunftsgruppe stärker ist:

Abb. 5: Unterschiede zwischen rußlanddeutschen und deutschen Jugendlichen

Auf die Frage, worin die Unterschiede zu den bundesdeutschen Jugendlichen bestünden, kamen wiederum Hinweise auf das unterschiedliche kulturelle Erbe. Anhand der Antworten auf dieses Frage wird deutlich, daß die Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe in der Betonung der Unterschiede zwischen rußlanddeutschen und bundesdeutschen Jugendlichen stärker das Fremde, das "Andere" betonen. Die Werteskala, die sie dabei anlegen, entspricht nicht den Werten der Jugendlichen der bundesdeutschen Gesellschaft, sondern eher denen ihres Herkunftslandes.

Die Jugendlichen der Brückengruppe dagegen äußern sich betont kritisch gegenüber den bundesdeutschen Jugendlichen, sie werten stärker. Die Werteskala, die sie dabei benutzen, entspricht jedoch eher der Werteskala bundesdeutscher Jugendlicher:

Abb. 6: Unterschiede zwischen bundesdeutschen und rußlanddeutschen Jugendlichen

Die Aussiedlerjugendlichen stellen bei den einheimischen Jugendlichen das "Nichtvorhandensein bestimmter Werte und Traditionen" und andere Unterschiede fest, die in ihrer Aussage gleichzeitig eine Wertung beinhalten: "sind feige", "Zusammenhalt fehlt", "Verantwortungsgefühl fehlt" etc. Einige dieser kulturell bedingten Faktoren, wie z.B. das andere Aussehen, die Sprache, der Umgang mit Gewalt, werden zugleich als Erklärung für das Vorhandensein von Konflikten zwischen bundesdeutschen und russlanddeutschen Jugendlichen genannt. Die wertende Kategorie in bezug auf die eigene Ethnie wird in den Antworten auf die Frage "Wie stark wünschst du dir manchmal, so zu sein wie die Meckenheimer Jugendlichen?" betont, in der die überwiegende Anzahl der Jugendlichen beider Gruppen angaben, dass sie nicht so sein möchten wie die anderen.

Abb. 7: Wunsch, so wie die Meckenheimer Jugendlichen zu sein

Auf die Frage "Was soll gleich sein" (zwischen den Befragten und bundesdeutschen Jugendlichen) fiel den Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe entweder gar nichts ein (keine Angabe), oder sie sagten als Antwort "überhaupt nichts". Bei den Jugendlichen der Brückengruppe kamen mehrere Antworten, die darauf schließen lassen, dass sie weniger Befremden gegenüber den einheimischen Jugendlichen empfinden und einige Merkmale bundesdeutscher Jugendlicher sogar nachahmenswert finden:

Abb. 8: Was soll gleich sein zwischen rußlanddeutschen und Meckenheimer Jugendlichen

Die Bedeutung der Sprache als Symbol ethnischer Identität wird deutlich, wenn immerhin sechs Personen der Notunterkunftsgruppe (also 50%!) und vier Personen der Brückengruppe aussagen, daß es ihnen "wenig wichtig" oder "gar nicht wichtig" ist, so wie die Meckenheimer zu sprechen.

Abb. 9: Wunsch nach Sprachanpassung

Diese Aussagen erscheinen bemerkenswert angesichts der Überlegung, dass die Jugendlichen in einer deutschsprachigen Umgebung leben, auf deutsche Schulen gehen und demnächst den Einstieg in das Berufsleben in Deutschland wagen müssen. Die Solidarität zur eigenen Ethnie scheint hier wichtiger zu sein als der instrumentelle Wert des Erlernens der deutschen Sprache. Unterstützt wird diese Vermutung durch die Aussagen, daß die russische Sprache für die Bildung von Freundschaften insgesamt wichtig ist und daß es dem größten Teil der Befragten "sehr wichtig" ist, die russische Sprache nicht zu verlernen.

Abb. 10: Bedeutung der russischen Sprache für die Bildung von Freundschaften

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die gemeinsame Abstammung und Vergangenheit wichtige Momente in der Bildung von Freundschaften bei beiden Gruppen darstellen.

Auch hier wieder deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen: insgesamt ist die russische Sprache für die Bildung von Freundschaften der Notunterkunftsgruppe deutlich wichtiger als der Brückengruppe. Über die Hälfte der Mitglieder der Brückengruppe gaben an, daß für sie die russische Sprache bei der Bildung von Freundschaften nur ein bißchen wichtig oder sogar unwichtig ist.

Das Bewusstsein von einem unterschiedlichen kulturellen Erbe der russlanddeutschen Ethnie gegenüber der bundesdeutschen scheint jedoch bei beiden Gruppen vorhanden zu sein und Grund für Konflikte im interethnischen Kontakt zu bieten. Das eigene kulturelle Erbe wird positiv gewertet, die Jugendlichen möchten überwiegend "nicht so sein" wie die Meckenheimer Jugendlichen. Ein großer Teil von ihnen möchte daher konsequenterweise auch nicht so sprechen wie diese.

Aus diesen Überlegungen heraus erscheint es folgerichtig, anzunehmen, dass ausschlaggebend oder zumindest von erheblicher Bedeutung für die Zusammensetzung dieser beiden Gruppen ethnische Kategorien wie z.B. die gemeinsame Herkunft, das Aussehen, gemeinsame Traditionen und Verhaltensweisen sowie die gemeinsame Sprache gewesen sind. Es ist also legitim, in diesem Fall von zwei ethnischen Kleingruppen zu sprechen und davon auszugehen, dass ihr Verhalten im Kontakt mit Meckenheimer Jugendlichen unter ethnolinguistischen Kriterien zu untersuchen ist. Daraus ist zu folgern, dass, wenn im derzeitigen Entwicklungsstadium einzelne Jugendliche die Gruppe verlassen bzw. wenn die Gruppe sich als Ganzes auflöst, dieses nicht nur bedeutet, dass sich ein Freundeskreis auflöst, sondern auch, dass damit eine Veränderung der ethnischen Identität ihrer Mitglieder sowie ihrem Sprachverhalten verbunden ist.


5 Analyse

Eine Analyse der Ergebnisse der Fragebogenaktion ergab, dass die beiden Gruppen sich in drei Punkten wesentlich von einander unterscheiden: 1. dem eigenen Selbstbild

2. den Erfahrungen, die sie mit bundesdeutschen Jugendlichen machten

3. ihrem sprachlichen Verhalten gegenüber der "Outgroup".

Das sprachliche Verhalten gegenüber der "Outgroup" wurde unter anderem anhand einer konstruierten Kontaktsituation mit Hilfe folgender Fragen nachvollzogen:

"Wie unterhaltet ihr euch untereinander in einer Diskothek oder einem Konzert des Jugendzentrum a) innerhalb eurer Gruppe?

b) zu zweit?

c) innerhalb der Gruppe, wenn Meckenheimer Jugendliche dazu kommen?

d) innerhalb der Gruppe, wenn Meckenheimer Erwachsene dazu kommen?

Die Gruppensprache der Jugendlichen "unter sich" ist bei beiden Gruppen mehrheitlich russisch. Die Jugendlichen der Brückengruppe sprechen jedoch weitaus mehr deutsch miteinander, besonders wenn einheimische Jugendliche hinzukommen. Wenn Meckenheimer Erwachsene dabei sind, bemühen sich die Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe allerdings mehr als die der Brückengruppe, deutsch zu sprechen.

Abb. 11: Konstruierte Kontaktsituation

Diese Aussagen zeigen, dass die Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe durchaus bereit sind, sich sprachlich dem Gegenüber anzupassen, sie es jedoch im Kontakt mit Meckenheimer Jugendlichen offenbar gar nicht wollen. Die sprachliche Verweigerungshaltung ist anscheinend nicht durchgängig. Wie ist dieses verwirrende Ergebnis zu erklären?

Wie lassen sich diese Unterschiede im Sprachverhalten der beiden Gruppen gegenüber der "Outgroup" erklären?

Insgesamt ist die sprachliche Sozialisation der Brückengruppe im Herkunftsland sowie in Deutschland durch wesentlich mehr deutsche Anteile gekennzeichnet als die der Notunterkunftsgruppe.

Wie aus der folgenden Grafik ersichtlich wird, verfügte die Notunterkunftsgruppe zum Zeitpunkt der Einreise über weniger Deutschkenntnisse als die Brückengruppe, und auch zum Zeitpunkt der Befragung war ihr sprachliches Repertoire in bezug auf die deutsche Sprache als geringer einzuschätzen. Aus diesen offensichtlichen Gründen verwundert es nicht, daß sie weniger deutsch sprechen.

Abb. 12: Deutschkenntnisse zur Zeit der Ankunft in Deutschland

Wichtig aber ist, daß die emotionale Bedeutung der Sprache des Herkunftslandes für die Notunterkunftsgruppe größer ist als für die Brückengruppe. Immerhin geben 50% dieser Gruppe an, gar nicht so sprechen zu wollen, wie die Einheimischen (vgl. Abb. 9).

Es scheint, als würde die russische Sprache für diese Gruppe ein stärker gruppenkonstituierendes Element darstellen als für die Brückengruppe (vgl. auch Abb. 10). Das könnte damit zusammenhängen, dass die Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe das Vorhandensein von Konflikten stärker empfinden und sich negativer wahrgenommen fühlen als die Jugendlichen der Brückengruppe:

Abb. 13. Vorhandensein von Konflikten

Die Jugendlichen versuchen selbstverständlich, sich die empfundene Ablehnung durch die bundesdeutsche Gesellschaft zu erklären. Auf die Frage, inwieweit sich bundesdeutsche von russlanddeutschen Jugendlichen unterscheiden, betonen die Mitglieder der Notunterkunftsgruppe viel mehr die Unterschiede zwischen russlanddeutschen und bundesdeutschen Jugendlichen und sehen deutlicher das Fremde, das "Andere" (Vgl. Abb. 6).

Die Werteskala, die sie dabei anlegen, entspricht jedoch nicht den Werten bundesdeutscher Jugendlicher, sondern eher denen ihres Herkunftslandes: "die sehen anders aus", "sie halten nicht an Tradition und Religion fest", "sie haben weniger Respekt vor Erwachsenen", "sie haben andere Interessen..."

Die Jugendlichen der Brückengruppe sehen auch Unterschiede, aber ihre Distanz begründet sich eher aus Werten, die auch von bundesdeutschen Jugendlichen verwendet werden könnten: "Zusammenhalt fehlt", "Eigentum ist wichtig", "die wollen Macht", "sie nutzen andere aus"...

Ähnliches ergab auch die Frage danach, in welcher Hinsicht die russlanddeutschen Jugendlichen so sein möchten wie die bundesdeutschen:

Den Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe fiel auf diese Frage entweder gar nichts ein, oder sie hielten "überhaupt nichts" für erstrebenswert.

Bei den Jugendlichen der Brückengruppe kamen mehrere Antworten, die darauf schließen lassen, dass sie weniger Befremden gegenüber den einheimischen Jugendlichen empfinden und einige Merkmale bundesdeutscher Jugendlicher sogar für nachahmenswert halten: "so sein", "Mist bauen", "Geld von den Eltern bekommen", "Sprache" (vgl. Abb. 8).

Die Antworten der Gruppen zeigen, dass beide über eine sehr hohe Gruppenidentifikation verfügen und eine deutliche Distanz zu einheimischen Jugendlichen wahrnehmen, die Jugendlichen der Brückengruppe jedoch über eine genauere Kenntnis der Lebenswelten bundesdeutscher Jugendlicher verfügen und dadurch mehr Angaben machen konnten.

Die Gruppensolidarität der Notunterkunftsgruppe scheint eher durch die traditionellen Muster des Herkunftslandes und durch das Befremden gegenüber einheimischen Jugendlichen geprägt zu sein. Die Mitglieder der Brückengruppe dagegen kennen die einheimischen Jugendlichen offenbar besser. Durch diese größere Nähe können sie daher auch an deren Jugendkultur teilnehmen, und dies schließt ein, daß sie - mit Selbstbewusstsein und eigenen Maßstäben - manche Erscheinungsformen dieser Kultur ablehnen.

Den Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe fehlt diese Kenntnis der bundesdeutschen Gesellschaft, andererseits scheinen sie stärkeren Konflikten mit bundesdeutschen Jugendlichen ausgesetzt zu sein. Durch den provozierend herausgestellten Gebrauch der russischen Sprache versuchen sie offenbar, ihre Gruppengrenzen und ihre Identität zu verteidigen. Der Gebrauch der russischen Sprache, die Hochschätzung aus Russland kommender Traditionen und kultureller Werte fungieren als Embleme einer als bedroht empfundenen Gruppenidentität.

Die Brückengruppe ist sprachlich dagegen viel stärker auf Zweisprachigkeit orientiert und verbindet innerhalb ihrer Wertorientierung bundesdeutsche und russische Muster. Es ist jedoch zu betonen, daß auch diese Jugendlichen klar und selbstbewusst an ihren russischen Identitätsmerkmalen festhalten.

Die Notunterkunftsgruppe spricht in fast allen Gesprächssituationen russisch bzw. lehnt den Kontakt mit bundesdeutschen Jugendlichen ab, teils aus einer negativen Bewertung der Verhaltensweisen bundesdeutscher Jugendlicher, teils aus Gründen mangelnder Sprachkenntnisse.

Interessant ist die unerwartete Erkenntnis, daß sich die dominante Orientierung der Notunterkunftsgruppe, die Abgrenzung gegenüber der bundesdeutschen Gesellschaft und die Verweigerungshaltung gegenüber Integrationsschritten verbinden mit durchaus traditionellen

Wertesystemen. So spielen Faktoren wie Religion, Ehe, Treue, Freundlichkeit und Gemeinsamkeit, Familiensinn sowie die Pflege der russischen Sprache für sie eine größer Rolle als für die Brückengruppe.

Abb. 14; Abb. 15

Ausgerechnet die Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe, die von den Bundesdeutschen als "Drop out" oder "Schläger" angesehen werden, sind sehr viel "traditioneller" an elterlichen Werten orientiert. Diese Heranwachsenden greifen in ihrer Verunsicherung zwischen einer bedrohten russischen und einer fremden deutschen Wertorientierungen nach den vergangenen russischen Sozialisationsmustern.

Die von den Eltern vorgegebenen Wertvorstellungen werden weit stärker geteilt als in der Brückengruppe, einschließlich einer religiösen Bindung, die auch an die Kinder weitergegeben werden soll, der Ablehnung der zwanglosen Lebensweisen bundesdeutscher Jugendlicher, das Zusammenleben ohne Trauschein usw.

Auch der Sprachgebrauch folgt dieser Statusorientierung, wenn etwa die russische Sprache als Abgrenzungsmittel gegenüber im Jugendfreizeitheim anwesenden Jugendlichen gebraucht wird, jedoch nicht bei der Anwesenheit bundesdeutscher Erwachsener (vgl. Abb. 11).

Diese sprachliche Verhaltensweise könnte man als "hyperkorrektes" Verhalten bezeichnen: Aufgrund sprachlicher Verunsicherung und der Instabilität einer eigenen (positiven) Gruppenidentität wird gegenüber Statushöheren ein völliger Wechsel des sonst üblichen Sprachverhaltens vorgenommen.

Die Instabilität der eigenen Gruppe, die zwischen - nicht ablegbaren, aber von der Aussenwelt als keineswegs positiv akzeptierten - russischen Identitätskomponenten und - als unerfüllbar, aber deutlich geforderten - deutschen Wertvorstellungen zerrissen ist, führt zu einer Integrationsverweigerung.

Die Stabilität der Brückengruppe verdankt sich einer bewusster balancierten Mischidentität, die durchaus die Bezeichnung "Russengang" verdient, jedoch kein Integrationshemmnis darstellt. Die bloße Existenz einer fast völlig russischsprachigen Gruppe von Jugendlichen ist in diesem Sinne kein Alarmzeichen. Probleme resultieren nicht aus diesem Umstand, sondern aus der widersprüchlichen Beziehung zwischen Selbstidentifikation und Fremdidentifikation der Gruppenmitglieder der Notunterkunftsgruppe.

Eine stabile Selbstdefinition der eigenen Gruppe scheint die Voraussetzung für eine integrative Orientierung russlanddeutscher Jugendlicher zu sein: Die Brückengruppe verfügt über ein stabilere Selbstdefinition als die Notunterkunftsgruppe.

Die Anforderung, sich als "deutsch" oder "russisch" zu definieren überfordert die Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe, da sie kaum Kontakt zu bundesdeutschen Jugendlichen haben und von diesen in der eigenen Wahrnehmung als "Russen" ("Russenschweine", Scheissrussen", "Ivan") gesehen werden. Die tatsächliche Wahrnehmung durch die Aussengruppe (bundesdeutsche Gesellschaft) ist bei der Notunterkunftsgruppe aufgrund ihres geballten Auftretens vor der Notunterkunft sowie des eigenen Abgrenzungsverhaltens deutlich negativ. Sie werden als "Schläger", "Kriminelle" oder "Russengang" tituliert. Die eigene Wahrnehmung der Aussengruppe ist bei den Jugendlichen der Notunterkunftsgruppe durch Unverständnis, Befremden und diffuser Ablehnung gekennzeichnet.

In der Summe scheint die Selbst - und Fremdwahrnehmung bei der Brückengruppe in einer widersprüchlichen aber lebbaren Balance zu bestehen, bei der Notunterkunftsgruppe jedoch in einen Antagonismus, also eine Unvereinbarkeit, zu geraten. Dies ist die Grundlage der Verweigerungshaltung der Notunterkunftsgruppe.


6 Fazit

Was ergeben nun die vorhandenen Erkenntnisse für eine sinnvolle Integrationsarbeit mit Aussiedlerjugendlichen?

Zum einen muß stets berücksichtigt werden, dass Alter und Aufenthaltsdauer der beiden Gruppen sich deutlich von einander unterscheiden. Wäre die Notunterkunftsgruppe zwei Jahre später befragt worden, hätte die Befragung möglicherweise andere Ergebnisse ergeben.

Gesichert scheint jedoch die Feststellung zu sein, dass die unterschiedliche sprachliche Sozialisation im Herkunftsland beider Gruppe deutliche Auswirkungen auf ihr späteres Verhalten in der Bundesrepublik hat. Dadurch, dass der überwiegende Teil der Jugendlichen der Brückengruppe aus homogenen deutschen Dörfern stammt, alle Eltern deutschstämmig sind und die Jugendlichen einen deutschen Dialekt als Muttersprache sprechen, sind die Anteile deutscher Identität wesentlich stärker ausgeprägt als bei den Mitgliedern der Notunterkunftsgruppe. Aufgrund dieser Umstände fiel es ihnen leichter, sich als feste russlanddeutsche Gruppe der bundesdeutschen Gesellschaft zu öffnen. Umgekehrt waren aus diesem Grund die Erfahrungen, die sie mit den Bundesdeutschen machten, nicht so negativ besetzt wie die der Notunterkunftsgruppe. In diesem Fall ist die Existenz der Gruppe kein Hindernis für eine gelungene Integration, sondern liefert dem Einzelnen einen sicheren Hintergrund, von dem ausgehend er seine Erfahrungen in der neuen Gesellschaft machen kann.

Anders ist jedoch die Situation der Notunterkunftsgruppe. Hier wird die Gruppe zu einer Festung, Sprache wird als Mittel zur Abgrenzung eingesetzt. Der Kontakt zur "Aussenwelt" dadurch erschwert. Dies führt wiederum zu einer negativeren Wahrnehmung durch die Aussenwelt. Diese negative Fremdwahrnehmung ist der Gruppe bewusst und steht im Widerspruch zu ihrer Selbstwahrnehmung. Aufgrund ihres mangelhaften Verständnisses der bundesdeutschen Wirklichkeit sieht die Notunterkunftsgruppe wenig realistische Lösungsmöglichkeiten, um ihren bestehenden negativen Status zu ändern. Sie empfindet ihre Situation somit als "stabil". Es wird kaum eine Veränderung der ethnischen Identität sowie des Sprachverhaltens der Gruppe erfolgen.

In diesem Fall geht es um die schwierige Gradwanderung, zum einen die Existenz der Gruppe als wichtigen, identit ätsbildenden Faktor in der Entwicklung der Jugendlichen anzuerkennen und zum anderen zu bemerken, wann diese Gruppe anfängt "sich selbst im Weg zu stehen".

Entgegen der bisherigen Praxis, in der in den Schulen häufig reine Aussiedlerklassen gebildet wurden, erscheint es sinnvoll, im schulischen Bereich diese Jugendlichen soweit als möglich von einander zu trennen. Erst dadurch wird ihnen überhaupt die Möglichkeit gegeben, aus ihrer Selbstghettoisierung herauszutreten und einen Zugang zu der deutschen Sprache und Kultur zu bekommen.

Gleichzeitig müßte erreicht werden, daß in der Öffentlichkeit eine Akzeptanz für solche Art von Gruppen erschaffen wird, so daß diese nicht durch eine negative Fremdwahrnehmung in ihren Rückzugstendenzen bestärkt werden.


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