Linguistik online 8, 1/01

Rezension über

Sarah G. Thomason (2001), Language Contact: an Introduction.

Edinburgh: Edinburgh University Press. 310 S.

Torsten Leuschner (Gent / Berlin)



Sarah Grey Thomason (im Folgenden: SGT), Professorin für Linguistik an der Universität Michigan, ist in der internationalen Sprachkontaktforschung u.a. durch ihre Feldforschungen über bedrohte Kontaktsprachen, z.B. das nordwestamerikanische Pidgin Chinook Jargon und die Mischsprachen Ma'a (Tansania) und Mednyj Aleut (Aleuten-Inseln), bekannt. Auch Forscher, zu deren Arbeitsgebieten nicht unmittelbar der Sprachkontakt gehört, kennen sie als Mitautorin des Standardwerks Language Contact, Creolization and Genetic Linguistics (Thomason / Kaufman 1988), das nicht nur eine Reihe wichtiger Sprachkontaktsituationen weltweit systematisch erfasste und analysierte, sondern auch zentrale methodologische Fragen der Sprachkontaktforschung im Verhältnis zur historischen Sprachwissenschaft schlüssig formulierte und diskutierte.

SGTs neues Buch steht in der Tradition monographischer Übersichten über Sprachkontakt seit Weinreichs Pionierwerk Languages in Contact (1953), ist aber empirisch umfassender als die theorieorientierte deutschsprachige Darstellung von Bechert / Wildgen (1991) sowie handlicher und übersichtlicher als das HSK-Handbuch Kontaktlinguistik (Goebl et al., eds., 1996/1997). Es beginnt mit der Introduction und zwei Kapiteln über die Typologie und Entwicklung von Kontaktsituationen ("Contact Onsets and Stability", Kap. 2) sowie über Mehrsprachigkeit in Großgemeinschaften und Individuen ("Multilingualism in Nations and Individuals", Kap. 3, mit einer Fallstudie über Indien), darauf folgen sechs Kapitel über die systemlinguistischen Ergebnisse kontaktbedingten Sprachwandels ("Contact-Induced Language Change: Results", Kap. 4), über Sprachbünde und Areallinguistik ("Linguistic Areas", Kap. 5), über sieben Mechanismen des kontaktbedingten Sprachwandels ("Contact-Induced Language Change: Mechanisms", Kap. 6), über Kontaktsprachen ("Pidgins and Creoles" und "Other Mixed Languages", Kap. 7 bzw. 8) sowie über Sprachzerfall und Sprachtod ("Language Death", Kap. 9); statt mit einer Zusammenfassung endet es demonstrativ mit einem kurzen Kapitel über bedrohte Sprachen und die Bemühungen, die derzeit in verschiedenen Teilen der Welt zu ihrer Rettung unternommen werden ("Endangered Languages", Kap. 10). Gedacht ist das Buch vor allem für Leser, die über Grundkenntnisse in synchronischer Linguistik verfügen (S. ix), und erinnert im didaktischen Aufbau der Einzelkapitel deutlich an verwandte Überblickswerke über andere Teildisziplinen (z.B. Romaine 1994 zur Soziolinguistik): Auf einen Darstellungsteil ohne Literaturverweise folgt jeweils ein Überblick über die betreffende Forschungsliteratur, in dem die betreffenden Literaturverweise in diskursiver Form nachgeholt werden und der es fortgeschrittenen Studenten ermöglichen soll, selbständig Themen für Seminararbeiten zu finden (S.ix). Der Zugänglichkeit im Allgemeinen dient der umfangreiche Anhang mit einer Weltkarte, auf der die im Buch behandelten Sprachkontaktsituationen (immerhin 60 an der Zahl) eingezeichnet sind, einer Liste der Amtssprachen ("official languages") aller Staaten der Welt im Jahre 2000, einem Glossar mit Fachtermini und kurzen kontaktbezogenen Sprachcharakteristiken (von African-American Vernacular English bis Zulu), dem Literaturverzeichnis sowie einem Sprachennamen-, einem Forschernamen- und einem Sachindex.

Schon beim oberflächlichen Durchblättern fällt die wahrhaft enzyklopädische Gründlichkeit auf, mit der SGT Sprachkontaktsituationen und -phänomene in allen Gegenden und Sprachgruppen der Welt zu behandeln weiß, darunter auch einige historische: SGT vergisst nicht zu erwähnen, dass schon im Alten Testament und bei Herodot sowie in frühmittelalterlichen arabischen Reiseberichten explizit von Sprachkontakt die Rede ist und dass natürlich auch der berühmte, auf dem Umschlag abgebildete ägyptisch-griechische Rosetta-Stein sowie die zahlreichen frühen Übersetzungen des babylonischen Gilgamesch-Epos Belege für antiken Sprachkontakt sind (S.6f.). Die Indices erschließen das Buch wie ein Nachschlagewerk, so dass sich interessierte Leser z.B. über die Geschichte des Sprachkontakts in Südafrika, die Entwicklung von Pidgin-Sprachen in Tahiti oder die Eigenschaften des Anglo-Romani im Prinzip ebenso leicht informieren können wie etwa über die Mehrsprachigkeit osteuropäischer Juden vor dem Zweiten Weltkrieg, die Einflüsse des Englischen auf das Montana Salish, die Überlebenschancen des Gälischen in Nova Scotia usw. Doch warnt SGT gleich zu Anfang, sie habe bewusst ein "personal book" geschrieben, das keine wirklich erschöpfende Übersicht über die gesamte Sprachkontaktforschung bieten wolle (S. ix). Dabei spielt sie offenbar vor allem auf die Tatsache an, dass der Schwerpunkt ihrer Darstellung auf den (system)linguistischen Ergebnissen des Sprachkontakts liegt und weniger auf dessen sozio- und psycholinguistischen Aspekten (ebd.). In dieser Hinsicht steht ihr Buch in der Tradition Weinreichs, bei dem der Abschnitt über "Mechanisms and Structural Causes of Interference" (1953: 7-70) ebenfalls bereits deutlich mehr Raum einnahm als die Themen "The Bilingual Individual" und "The Socio-Cultural Setting of Language Contact" (ebd.: 71-82 bzw. 83-110). Dass SGTs eindrucksvolle, über 400 Titel enthaltende Bibliographie fast ausschließlich englischsprachige Titel enthält, dürfte wiederum vor allem dem intendierten Lesepublikum geschuldet sein, denn SGT lässt im Laufe des Buches durchblicken, dass sie selbst neben dem Englischen zumindest auch Deutsch und das schon wegen der Sprachkontaktforschung in der früheren Sowjetunion wichtige Russische beherrscht.

Von dem bekannten deutschsprachigen Werk von Bechert / Wildgen (1991) unterscheidet sich SGTs Buch vor allem durch die Tatsache, dass es keine systematische Einführung in die Sprachkontaktforschung sein will. Zwar bietet SGT durchaus auch Einblicke in Forschungskontroversen (besonders in den beiden Kapiteln über Kontaktsprachen), viele ihrer theoretisch oder methodologisch relevanten Stellungnahmen werden aber doch erst in einem breiteren Diskussionszusammenhang wirklich verständlich. Ging Weinreich z.B. noch davon aus, dass Sprachen sich im Kontakt befinden, "if they are used alternately by the same persons" (1953: 1), so spricht SGT im Prinzip dann von Sprachkontakt, wenn zwei oder mehrere Sprachen am selben Ort benutzt werden (S.1ff.); damit rückt sie in die Nähe von Bechert / Wildgen, die eher Gruppen statt Individuen in den Mittelpunkt der Sprachkontaktdefinition stellen (1991: 1f.). Zur Verwirrung kommt es bei SGT im Zusammenhang mit der bekannten Unterscheidung zwischen Entlehnung ('borrowing') im engeren Sinne, die normalerweise (d.h. außer bei sehr intensivem und langfristigem Sprachkontakt) eher zu lexikalischen Interferenzen führen, und der Einwirkung eines Sub-/Super-/Adstrats, die eher zu strukturellen (d.h. nicht notwendigerweise auch lexikalischen) Interferenzen führt (S.66f.). Thomason / Kaufman (1988: 37ff.) bezeichnen die '-strat'-Einwirkung treffend als 'shift-induced interference' (denn sie tritt gewöhnlich im Zusammenhang mit Sprachwechsel auf), und Bechert / Wildgen übernehmen diesen Terminus in der Form "Beeinflussung durch Sprachwechsel" (1991: 97). SGT spricht dagegen von 'imperfect learning' (S.63, 66ff.) und vollzieht damit einen etwas unglücklichen Terminologiewechsel, mit dem Studenten, die sich in der Literatur zurechtfinden sollen, wenig gedient sein dürfte. Etwas besser ergeht es der bekannten These von Thomason / Kaufman (1988: 13-34), es gebe keinerlei strukturelle Hindernisse für Interferenzen im Sprachkontakt. SGT übernimmt und verteidigt sie vor dem Hintergrund gegenteiliger Äußerungen von Meillet, Sapir und Jakobson (S.63ff.), lässt aber die belegreiche Diskussion bei Harris / Campbell (1995: 120-150) unerwähnt. Da Harris / Campbell ihrerseits die Arbeit von Thomason / Kaufman ignorieren, wäre eine Synthese nicht nur didaktisch angemessen, sondern auch von der Sache her geboten gewesen.

Ein besonders interessanter Zusammenhang, in dem SGT von der Weinreich-Tradition abweicht, ist die Frage, ob eine eigene Theorie kontaktbedingten Sprachwandels notwendig ist. SGT beantwortet sie implizit positiv, indem sie im sechsten Kapitel sieben sog. kontaktbedingte Sprachwandelmechanismen aufzählt: code-switching, code alternation, passive familiarity, 'negotiation', second-language acquisition strategies, bilingual first-language acquisition, deliberate decision (S.129-156). Dies ist aber nichts weiter als eine unsystematische Liste möglicher Aspekte von Sprachkontaktsituationen, die eine viel wichtigere Frage offen lässt: wie es überhaupt möglich ist, dass Sprecher in ihrer eigenen Sprache Innovationen nach dem Vorbild einer anderen Sprache vornehmen (Croft 2001: 145). Laut Weinreich genügt hierzu ein einziger Mechanismus, den er 'interlingual identification' nennt (1953: 7), oder wie Croft es ausdrückt (2001: 147): "A speaker cannot choose a form from one language over a form from the other unless she has made an interlingual identification of the two forms." Im Sprachkontakt identifizieren demnach Sprecher in der anderen Sprache funktionale Äquivalente zu Elementen ihrer eigenen Sprache, mit der Folge, dass ihnen die Elemente der anderen Sprache als Varianten zur Erfüllung derselben Funktion in ihrer eigenen Sprache zur Verfügung stehen; dabei kann es sich um Wörter handeln, ebenso gut aber um grammatische Strukturmuster (ebd.). Wie schon Weinreich (1953: 7, mit z.T. abweichender Terminologie) feststellt, überbrückt die Theorie der 'interlingual identification' also auch die Kluft zwischen 'borrowing' im engeren Sinne und 'shift-induced interference', indem sie für beide Phänomentypen einen gemeinsamen Innovationsmechanismus zur Verfügung stellt.

Dass dank der Theorie der 'interlingual identification' eine selbständige Sprachwandeltheorie für Sprachkontaktphänomene letztlich überflüssig ist, lässt sich an SGTs Diskussion von Spracharealen (Kap. 5) zeigen. Natürlich ist es begrüßenswert, dass SGT ihnen überhaupt ein gesondertes Kapitel widmet: zum einen wegen der besonderen Schwierigkeiten bei der Erforschung multilateraler, geographisch ausgedehnter Sprachkontaktsituationen und zum anderen, weil z.B. Bechert / Wildgen gerade dieses Thema ausgesprochen stiefmütterlich behandeln (1991: 29ff.). SGT diskutiert eine Reihe von Sprachbünden gründlich und umsichtig (S.104-125), orientiert sich bei der Beantwortung der Frage "how do linguistic areas arise?" (S.104) aber zu einseitig an der 'historizistischen' Tradition (Begriff von Campbell 1985), die Sprachareale a ls besonders komplizierten Sonderfall des zweiseitigen Sprachkontakts behandelt und ihre historische Erforschbarkeit, ja oft schon ihre Erkennbarkeit pessimistisch beurteilt (S.90, 99, 125). Demgegenüber begnügt sich die 'circumstantialist tradition' (Campbell 1985) unter Rückbesinnung auf Trubetzkoy damit, Sprachbünde aufgrund synchronischer Indizien (engl. 'circumstantial evidence') festzustellen, wobei sie sich eher an der Methode der 'internal reconstruction' orientiert und viel weniger Gewicht auf den konkreten Nachweis legt, dass die betreffenden Eigenschaften tatsächlich durch Sprachkontakt entstanden sind (siehe hierzu die Kritik von Van Pottelberge in diesem Heft). Zur Wiederbelebung dieses Ansatzes hat in den letzten Jahren u.a. der bei SGT nicht erwähnte Gedanke eines gesamteuropäischen Sprachbundes beigetragen, der nicht auf ein gemeinsames genetisches Erbe zurückgeführt werden kann, sondern als Ergebnis von Konvergenz aufgrund langen multilateralen Sprachkontakts erklärt wird (König / Haspelmath 1999). Die von SGT zustimmend zitierte Ansicht, 'Konvergenz' sei eigentlich nur eine Kurzformel für das Eingeständnis "'there is no evidence about how this areal feature arose'" (S.90), ist charakteristisch für den Pessimismus der 'historicists'. Die optimistischere Alternative der 'circumstantialists' besteht in der Überlegung, dass die 'interlinguale Identifizierung' funktionaler Äquivalente in benachbarten Sprachen der Grammatikalisierung gemeinsamer Strukturmuster Vorschub leisten kann; das Ergebnis erscheint synchronisch als Strukturisomorphismus, diachronisch als Konvergenz (Bisang 1996). Auch dieser Gedanke ist übrigens schon bei Weinreich angelegt (1953: 28ff.).

Alles in allem bietet Language Contact: an Introduction eine gut lesbare, systemlinguistisch orientierte, weltweite umfassende Einführung in Sprachkontaktsituationen und -phänomene. Zwar handelt es sich nicht um eine systematische Einführung in die Sprachkontaktforschung (wodurch gerade diejenigen Fragestellungen eher verdunkelt werden, die enge Beziehungen zu anderen Bereichen der Sprachwissenschaft aufweisen), der Gesamtleistung des Buches tut dies aber kaum Abbruch: SGT vermittelt sehr erfolgreich den Eindruck eines vielseitigen, farbigen und weltoffenen Forschungsgebiets, das (nach der Maxime "Think globally, act locally") durchaus auch mit sozialem und politischem Engagement vereinbar sein kann.


Literaturverzeichnis

Bechert, Johannes / Wildgen, Wolfgang (1991): Einführung in die Sprachkontaktforschung. Darmstadt.

Bisang, Walter (1996): "Areal Typology and Grammaticalization: Processes of Grammaticalization Based on Nouns and Verbs in East and Mainland South East Asian Languages". Studies in Language 20(3): 519-597.

Campbell, Lyle (1985): "Areal Linguistics and Its Implications for Historical Theory". In: Fisiak, Jacek (ed.) (1985): Papers from the Sixth International Conference on Historical Linguistics. Amsterdam / Poznan: 25-56.

Croft, William (2001): Explaining Language Change: an Evolutionary Approach. Harlow.

Goebl, Hans / Nelde, Peter H. / Stary, Zdenek / Wölck, Wolfgang (eds.) (1996/1997): Kontaktlinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. 2 Bände. (= HSK 12.) Berlin.

Harris, Alice C. / Campbell, Lyle (1995): Historical Syntax in Cross-Linguistic Perspective. (= Cambridge Studies in Linguistics 74.) Cambridge.

König, Ekkehard / Haspelmath, Martin (1999): "Der europäische Sprachbund". In: Reiter, Norbert (ed.) (1999): Eurolinguistik. Ein Schritt in die Zukunft. Beiträge zum Symposion vom 24. bis 27. März 1997 im Jagdschloß Glienicke (bei Berlin). Wiesbaden: 112-127.

Romaine, Suzanne (1994): Language in Society: An Introduction to Sociolinguistics. Oxford.

Thomason, Sarah Grey / Kaufman, Terrence (1988): Language Contact, Creolization, and Genetic Linguistics. Berkeley / Los Angeles / London.

Van Pottelberge, Jeroen (in diesem Heft): "Sprachbünde: Beschreiben sie Sprachen oder Linguisten?". Linguistik online 8, 1/01.

Weinreich, Uriel (1953): Languages in Contact: Findings and Problems. Den Haag / Paris.


Linguistik online 8, 1/01

ISSN 1615-3014