Linguistik online 8, 1/01


"Isn't it good, Norwegian wood?"

Verweiswörter und jüngere Entlehnungen 
aus dem Nordischen ins Westgermanische (1)

Luc de Grauwe (Gent)


Dass es in den vergangenen Jahrhunderten große Wellen westgermanischer (besonders niederdeutscher, aber auch hochdeutscher sowie niederländischer) Entlehnungen in die festlandnordischen Sprachen inklusive des Finnischen gegeben hat, ist bekannt; ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist schwed. flygledare 'Fluglotse' (< dt. Flugleiter). Doch lassen diese Erscheinungen leicht vergessen, dass bestimmtes Wortgut auch den umgekehrten Weg gegangen ist und noch geht. Dabei soll hier nicht eigens noch einmal die Diskussionsfrage "Fremdwort oder Lehnwort" aufgerollt werden (vgl. hierzu die in Braun, ed., 1979 und Stickel, ed., 2001 gesammelten Aufsätze). Mit P. von Polenz (2000: 43; vgl. 1967/79) ist jedoch festzuhalten:

"Der vorwissenschaftliche Begriff 'Fremdwort' muß ersetzt werden durch eine differenziertere Betrachtungsweise nach einer gewichtenden Skala von Arten und Stufen der Integration, wobei heute auch den semantischen und sprachsoziologischen Kriterien Gewicht gegeben wird, nicht nur den grammatikalischen."

Zu Letzteren gehören auch phonemische, graphemische und flexivische Kriterien. Um gleich ein Beispiel zu nennen: Wörter wie dt. Tanzrestaurant, nl. dansrestaurant, engl. dance restaurant, die auf finn. tanssiravintola, schwed. dansrestaurang zurückgehen, kommen bisher nur in Reise- und Sprachführern, in touristischer Werbung für die nordischen Länder (auch im Internet) sowie in Übersetzungen skandinavischer Romane und anderer Texte vor, nicht in den großen einschlägigen Wörterbüchern des Westgermanischen, obwohl diese Vokabeln den drei grammatikalischen Integrationskriterien vollauf genügen. Die Einrichtung, auf die man mittels dieses Kompositums verweist, ist in den wgm. Sprachgebieten eher schwach vertreten, während sie in Finnland und Schweden sozial gut verankert ist; die wgm. Wortäquivalente erweisen sich somit als sprachsoziologisch kaum integrierte Lehnübersetzungen (von Polenz 2000: 43). Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist übrigens, dass das beste und ausführlichste schwedisch-niederländische Wörterbuch (das Handwoordenboek Zweeds-Nederlands = van Dale Z-N) das Wort dansrestaurang mit der Paraphrase 'restaurant waar ook kan worden gedanst' übersetzt; im umfangreicheren niederländisch-schwedischen Band kommt dansrestaurant überhaupt nicht vor. Womöglich noch vielsagender ist, dass auch Christoph Hein in seiner in Leipzig spielenden Erzählung Der Tangospieler eine Umschreibung verwendet (Hein 1995: 52, meine Kursivierung, LdG): "Jeden Abend fuhr er in die Stadt und besuchte Restaurants, in denen getanzt wurde."

Ihrem Status als perfekte Lehnübersetzungen zum Trotz sind die fraglichen wgm. Komposita fast als "Zitat- oder Gastwörter" einzustufen, d.h. als Wörter, die "nur auf Sachverhalte im Herkunftsland bezogen sind" (von Polenz 2000: 41; vgl. von Polenz 1979[1967]: 23). Dies gilt z.B. auch für die Instrumentenbezeichnungen norw. hardangerfele oder schwed. nyckelharpa - Wörter also, die übrigens kaum in die wgm. Flexion zu integrieren sind, es sei denn, man macht aus dem ersten Hardangerfiedel (Duden 5, 311b) oder übersetzt das zweite mit Schlüsselfiedel (Brockhaus 19, 428a) bzw. sleutelviool (van Dale Z-N, 441a). Andere, besser eingebürgerte Zitatwörter wie Geysir / Geiser (ursprünglich 'heiße Springquelle'), Fjäll / Fjell / Fjeld 'baumlose Hochfläche', Fjord sind dagegen gut flexivisch integriert: Z.B. lauten die dt. Plurale Geysire / Geiser, Fjälls, Fjorde, die niederländischen geisers, fjelds, fjorden. Ein Beispiel aus dem Bereich der Verben wäre nl. joiken (Schröder 1998: 247a, vgl. schwed. jojka) 'samische Lieder singen' (zum Subst. jojk). Obwohl die benannten geographischen bzw. natürlichen Erscheinungen auch in anderen Teilen der Welt vorkommen, werden diese Wörter ebenfalls meistens nur auf ihr Herkunftsgebiet Skandinavien bezogen (zum Sonderfall Geysir / Geiser vgl. den 'kaderartikel' von E. Sanders in van der Sijs 1996: 363f.). Das wird sicher mit dem 'immobilen' Charakter der bezeichneten Erscheinungen zusammenhängen. Erst wenn es sich um auch anderswo reproduzier- bzw. wiederholbare Objekte, Artefakte oder Zustände handelt, verlieren diese Lexeme ihren Zitatcharakter, so etwa geiser in einer zweiten, abgeleiteten Bedeutung 'Dauerlauferhitzer', wie sie seit dem Ende des 19. Jh.s im Engl. (geyser) und über dieses im Nl. geläufig ist.

Kommen solche Wörter in vielen, womöglich in den meisten oder idealtypisch gar in allen Sprachen der Welt vor, könnte man von "Internationalismen" oder wenigstens "Europäismen" (Bergmann 1995 und 2000; von Polenz 1999: 399f., Literatur ebd.: 411) sprechen. Dazu gehört sicherlich das norw. Wort ski - obwohl ausgerechnet hier das Schwedische beim etymologisch verwandten skida (bzw. in Komposita skid-) geblieben ist. Solche Wörter zeichnen sich weiter dadurch aus, dass sie sich mit vielen einheimischen Elementen zu Komposita verbinden lassen, die auch unabhängig von möglichen ausgangssprachlichen Vorbildern entstanden sind bzw. sein könnten. Ein modernes Beispiel ist das englische heli-skiing mit seinen Ableitungen heli-ski (Verb) und heli-skier (alle NODE), das auch ins Dt. (Heliskiing, DGW) und Nl. durchgedrungen ist (nl. Infinitiv heliskiën; De Coster 1999: 302); ein anderes ist dt. Sonnenski nl. zonneski (DM 17.2.2001, 6), wofür in Österreich und Südtirol geworben wird. Zu finn. sauna gibt es z.B. in Werbeprospekten nicht nur die zu erwarteten Zusammensetzungen wie nl. designsauna, saunabouw, -cabine(2), -accessoires, -kachel, -oven, -stenen, -deur, -lamp, -emmer, -controlekast, -beurt (letzteres im TV-Expres, 10.4.2001, 11), sondern auch ein davon losgelöstes, im Flugwesen gebräuchliches dt. Saunatuch 'feuchtes Tuch, das sich der Fluggast zur Erfrischung auf das Gesicht legt' (DGW). Die von sauna abgeleiteten Verben nl. saunaën, dt. saunen und saunieren 'ein Saunabad nehmen' könnte man nötigenfalls auf das Finnische (saunoa 'idem') zurückführen, nicht aber die euphemistische Bedeutungsverschlechterung 'Bordell' bzw. 'Teil von (Bade)einrichtungen, die vorwiegend zur ufnahme sexueller Kontakte dienen', wie sie im Nl. (van Dale GWNT) und Dt. vorliegt.(3)

Weniger krass fällt die (selbständige?) Bedeutungsdepravation im Falle von smörgåsbord aus, z.B. im Engl. (wo es als smorgasbord auch graphemisch integriert ist). Dort hat es neben der buchstäblichen Bedeutung (laut OED seit 1893 nachgewiesen) auch die übertragene Bedeutung 'a medley, miscellany, a rich variety or selection' angenommen (erstmals 1948, OED Suppl. IV, 288b). Hier ein Beispiel aus Mario Puzo, Fools Die (zit. nach ebd.):

"Everyday Magazines...was a group of publications that drowned the American public with information, pseudoinformation, sex and pseudosex ... A real smorgasbord."

In durchaus positivem Sinne (wirklich 'a rich variety' von Bedeutungen!) findet sich das Wort in einem nl. Reklameprospekt, der wohl nicht zufällig für einen City-Trip nach Stockholm wirbt und die Stadt als "een smörgasbord [sic] van cultuur en schitterende natuur" charakterisiert (Transeurope Citytrips, Ausgabe Sommer 2001, S.36). In einem "Rundbrief für Bürgerbeteiligung" in Deutschland, in dem ein Projekt namens "Demokrati-Bokslut" im schwedischen Örebro vorgestellt wird, heißt es, die Initiator(inn)en betrachteten ihr Konzept "als eine Art Smörgåsbord, aus dem man sich modulartig einzelne Teile herausnehmen kann" (http://ww w.mitarbeit.de/Publikationen/Rundbrief/Rund_00I_02.htm. Solche Metaphorisierungen sind auch in der schwedischen Ausgangssprache geläufig und mögen zur Nachahmung angeregt haben; man denke etwa an das "Informations-Smörgåsbord Navig ", das Auskünfte über Stockholm anbietet (smorgasbord.navigo.se), ferner an "det populärvetenskapliga smörgåsbord som går under namnet Universitetets veckor" (Göteborg; www.gu.se/aktuell/ GU-journalen/6-99/sida_3.html) sowie, diesmal in negativerem Sinne, an eine Belegstelle in der Debatte um die Ausstellung "Ecce Homo" im Dom zu Uppsala: "De som använder Skriften som ett smörgåsbord där de väljer och vrakar det som passar dem" (www.crossnet.se/ tronsvarld/1920-98-ecce_homo.html).

Selbständige Weiterentwicklung mag gelegentlich rein formell, d.h. entsprechend den Wortbildungsregeln der Gastsprache und ohne Bedeutungsänderung, vorkommen wie z.B. in nl. slalommen / slalommer (Koenen 1999: 1015a), engl. slalomer (NODE). Manchmal hat sie aber auch semantische Implikationen, allen voran im Rahmen der 'political correctness'. So heißt Ombudsmann / ombudsman nl. und dt. auch Ombudsfrau / ombudsvrouw; der Pl. lautet Ombudsleute bzw. - in Dokumenten meiner Universität schon - ombudspersonen. In der nl. Lexikographie kommen diese Wörter bisher nicht vor; laut De Coster (1999: 463b, s.v. ombudsvrouw) datiert ombudsman von "ca. 1971". Eine interaktive Talkshow, die um die jüngste Jahrtausendwende im flämischen Fernsehen lief und von einem gewissen Jan van Rompaey moderiert wurde, wurde vom Sender "Ombudsjan" getauft. In einer Artikelserie über die Wirtschaft in den skandinavischen Ländern erinnerte Ende Januar 2000 ein flämischer Arbeitssoziologe daran, dass die relativ geringe Arbeitslosenrate in den Niederlanden ganz Europa von einem holländischen "poldermodel" sprechen lässt, und fragt, warum nicht analog von einem dänischen "legomodel" die Rede ist, da die Beschäftigungslage in Dänemark ja noch viel besser sei (Job@, 29.1.2000, 3). Negativ gemeint ist dagegen die Bezeichnung "Ikea-Ästhetik", die ein Rezensent der von Peter Sellars gestalteten Salzburger Inszenierung der jüngsten Oper von Kaja Saariaho, L'amour de loin, beilegte (DSp 21.8.2000, 202/3).

In anderen Fällen werden dann wieder unverändert Simplicia übernommen. So bekam trol in der Sprache der 'provobeweging' (der Amsterdamer antibürgerlichen Protestbewegung in den Jahren 1965-67 - in der 'provotaal' also) die Sonderbedeutung 'burgerlijk persoon, iemand uit de consumptiemaatschappij' (van Dale GWNT, 3515a). Saga steht spätestens seit 1906, als Galsworthys Forsyte Saga zu erscheinen begann, auch für jüngere Romanzyklen bzw. Familienchroniken, aber man könnte diesen Gebrauch auch auf Selma Lagerlöfs Gösta Berlings saga (bereits 1891!) zurückführen. Die im informellen Register verwendete Bedeutung 'a long and complicated series of events or a description of this' (Longman CE, 1254b) kenne ich zur Bezeichnung mehrerer solcher 'soaps' (ein Konkurrenzwort, ebenfalls in abgeleiteter, informeller Gebrauchsweise!) aus der sozialen, politischen oder kulturellen Szene der letzten Monate, wobei dann wieder gern Komposita gebildet werden: nl. de Cruise-Kidmansaga (Knack Focus 28.3.2001, 3), de Koersk-saga (DSt und DG 21.8.2000), dt. die Saga von der Demokratie (FAZ 20.4.2000, 46). Speziell in Belgien finden sich vielfach Komposita von saga mit Ortsnamen, die an langwierige, oft politisch brisante Entwicklungen erinnern: Doel-saga (DG 15.6.2000, 2), saga van Vilvoorde (DSt 8/9.12.2000, 5), Ieper-saga (Hörbeleg, Nov. 2000) sowie, anlässlich der umstrittenen Errichtung eines Nonnenklosters in einem Naturgebiet, kloostersaga (Humo 24.4.2001, 25); auch das Simplex taucht auf, wie in Korte dinsdagvergadering werd saga (über eine stundenlange Krisensitzung der flämischen Teilregierung; Titel in DSt 10.5.2001, 3). Näher am semantischen Ausgangspunkt liegen The Godfather Saga (Knack Focus 4.4.2001, 3) für die Filmtrilogie von Francis Ford Coppola (1972, 1974, 1990) und The Star Wars Saga (P akatwerbung für Canal+, April 2001). Textbelege gibt es auch für dt. Familiensaga, nl. familiesaga (DSp 13.9.1999, 278; 21.8.2000, 206/3; DG 12.11.1999, 41); im Gegensatz zum engl. family saga (Longman CE, 1254b) stehen dieses Komposita (die dem norw. ættesaga entsprechen) jedoch noch nicht in den Wörterbüchern.

Bekanntlich ist saga ursprünglich ein Begriff aus der Literatur, und aus dieser dürften letzten Endes auch engl. ice queen, dt. Eiskönigin, nl. ijskoningin stammen, und zwar als (kontaminierte) Derivate von H.C. Andersens Märchenfiguren Sneedronningen und Ijsjomfruen. In Per Olov Enquists Drama "Från regnormarnas liv" (En trptyk, 1981), in dem Andersen als Figur auftritt, "[s]nödronningen blir en isdrottning - ännu hårdare, ännu kallare", wie es die Literaturwissenschaftlerin Eva Ekselius ausdrückt (Ekselius 1996: 10). Sowohl in den west- wie in den nordgermanischen Sprachen kreist die Bedeutung um 'hervorragende Eiskunstläuferin' einerseits und 'koele, hardvochtige vrouw zonder emoties' andererseits. Ein Beispiel für die erstgenannte Bedeutung ist Katarina Witt, Hauptdarstellerin in einem Film mit dem etwas abweichenden Titel The Ice Princess; die zuletzt genannte Bedeutung verzeichnet bisher nur die nl. Lexikographie, und zwar als "slangterm [...] vnl. gebruikt door popjournalisten" (De Coster 1999: 328f.) und als Variante für ijsprinses und für entlehntes ice queen. Als Repräsentantinnen gelten etwa Nancy Reagan (De Coster 1999: 328), Köningin Beatrix der Niederlande (DG 31.3./1.4.2001, 8) sowie die Filmschauspielerinnen Grace Kelly (DG 1.8.2000, 1) und Kristin Scott-Thomas (letztere als "ijskoningin met sex-appeal", DSt 24.3.2000, 1, und dazugehöriges Magazine, 14). Noch Ende Mai 2001 wurde im flämischen Rundfunk und Fernsehen die Siegerin des weltberühmten Königin-Elisabeth-Wettbewerbs für junge Musikerinnen, die zwanzigjährige lettische Violinistin Baiba Skride, so apostrophiert.

Allerdings sind an diesem Begriff durchaus auch semantische Nuancen anzubringen, wie aus einigen wenigen schwedischen Belegen hervorgehen mag. Eine ausgesprochen negative Nuance liegt noch in Marianne Frederikssons "Anna, Hanna och Johanna" vor, wo Johannas gefühlskalte zukünftige Schwiegermutter wörtlich isdrottning genannt wird (Frederiksson 1994: 232), eine Katerina Janouch stellt sich im Internet als "en isdrottning, en stel varelse, bitter, hämmad och aggressiv" vor (www.fodahemma.com/fb/Katerinas. asp), und die Musikerin Nina Persson von Cardigans wird beschrieben als "en vacker, kylig svensk 'isdrottning'" (Aftonbladet nöje 7.2.1999). Anlässlich des letzten "Nobelfestes" in Stockholm jedoch (des alljährlichen Festaktes für die Nobelpreisträger, geleitet vom schwedischen König) berichtete Aftonbladet (nyheter 11.12.2000) dann wieder wie folgt:

"Och drottning Silvia till sist, var kvällens isdrottning. Inte när det gällde utstrålning utan i klädseln. Hon glittrade och glänste, som beströdd med iskristaller med drottning Sofias magnifika diadem i det uppsatta håret. Grå sidenklänning med glittrande spetsliv och broderade 'snökristaller' på vänster sida av kjolen. Vid prisceremonin var den vackra kungafamiljen som en vintersaga i mörka decemberkvällen."

Hier ist von Herzenskälte wohl kaum die Rede; am ehesten stimmt die Beschreibung zur englischen Bedeutungsangabe 'fashion plate with rocks'.(4) Das Skandinavische tut bei Silvia assoziativ ein Weiteres; ähnlich wurde z.B. auch die in Belgien heißgeliebte, aus Schweden stammende Königin Astrid "sneeuwkoningin" genannt, die 1935, keine 30 Jahre alt, in einem Autounfall verstarb (SdL 21.10.1999, 2/2).(5) Auch Männer aus dem hohen Norden bekommen ein entsprechendes Prädikat beigelegt: Anlässlich des Staatsbesuchs des schwedischen Königspaares in Belgien im Mai 2001 erinnerte eine Antwerpener Zeitung u.a. an den schwedischen Tennisstar Björn Borg und bemerkte dazu: "De 'ijsman' domineerde het tennis in de jaren zeventig" (GvA 10.5.2001, 2). Nach ihm ist übrigens der "Björn Borg-effect" benannt (DSt 9/10.06.01, 41): "De stijgende populariteit van de sport in het kielzog van één vedette wordt sindsdien [d.h. seit den eklatanten Erfolgen schwedischer Tennisspieler wie Jarryd, Nyström u.a. in den 80er Jahren] het Borg-effect genoemd" (ebd., 42). Ice/Ijs- wird auch gern als Erstglied in Romantiteln verwendet, z.B. in Elisabeth McGregors Welterfolg The Ice Child (nl. Het Ijskind, 2001). Ebenso auf Andersen geht es zurück, wenn in einer flämischen Fernsehzeitschrift von Barbara Streisand ausgesagt wird, dass sie sich in dem Film The Mirror Has Two Faces (1996) "van lelijk maar intelligent eendje tot supervamp herstyleert" (Knack TV 9.2.2000, 19; ähnlich ebd., 57) oder wenn die englische Zeitschrift Classic FM (Ausgabe Januar 2001, 32) die Maria Callas ein "ugly duckling" nennt. Auf eine literarische Quelle, nämlich Ibsens Hedda Gabler, scheint auch dt. Dreiecksgeschichte / nl. driehoeksverhouding zurückzugehen (< et trekantet forhold). Im Nl. finden sich hierzu mehrere neue Varianten, etwa die "driehoeksrelatie met voeding" (der richtige Umgang mit dem "voedingsdriehoek [...], een schematische voorstelling van hoe we dagelijks gezond kunnen leven"; Knack Weekend 4.4.2001,1. Umschlagseite bzw. 74b), ferner in gesteigerter Zahl "een gecompliceerde vierhoeksverhouding" (Knack Focus 28.2.2001, 85b über den im Jahre 2000 von James Ivory verfilmten Roman The Golden Bowl van Henry James) sowie De zeshoeksverhouding als Übersetzung des Titels von William Sutcliffes Roman The Love Hexagon (2000).

An unverändert übernommenen Bezeichnungen für Erscheinungen, die in aller Welt vorkommen können, verzeichnen die modernsten lexikographischen Werke der wgm. Sprachen Nl., Dt. und Engl. folgende (Einzelheiten bei de Grauwe 1999: 79-86): atto-, femto-, tungsteen/-stein/-sten, skol/skål, aquavit (akvavit), tetrapak/-pack, letzteres ursprünglich ein Warenname; auch smörrebröd kennen diese Wörterbücher alle, auch wenn es meistens noch auf das typisch dänische Butterbrot bezogen wird. Das ist, mutatis mutandis, vollends der Fall bei norw. stavkirke, das oft mit den Lehnübersetzungen nl. sta(a)fkerk, dt. Stabkirche, engl. stave church (NODE) wiedergegeben wird. Mit schwed. älgtest 'extrem svårt prov' hat es seine besondere Bewandtnis: Dieses Wort, das überall auch die übertragene Bedeutung 'Feuerprobe' entwickelt hat, geht zurück auf die ironische Bezeichnung Elchtest, die deutsche Mercedesdirektoren jenem doppelten Ausweichmanöver beilegten, das dem Baby-Mercedes bei seinen Testfahrten 1997 im hohen Norden solche Probleme bereitete; das Lexem ist als elandtest/-proef auch ins Nl. und als moose test ins Engl. eingegangen (vgl. die bei de Grauwe 1999: 83 Anm. 22 angegebene Literatur, bes. Müller 1998: 52). In nl. Lexika erscheinen ferner slöjd (und zwar seit Jahrzehnten!), hex (ein von dem dänischen Schriftsteller und Zeichner Piet Hein entworfenes Brettspiel) und die Lehnübersetzung kaasschaaf (aus norw. ostehøvel, im November 1926 von Thor Bjørklund aus Lillehammer erfunden und patentiert) und das im übertragenen Sinne davon abgeleitete kaasschaafmethode/-operatie, in Schweden bekannt als osthyvelsprincipen. Im dt. Duden finden sich dann wieder (der) Ytong, K(j)ökkenmöddinger ('Küchenabfälle, d.h. steinzeitliche Abfallhaufen'), Noor (< dän. nor 'Haff')(6) und der Letkiss (aus finn. letkajenkka; vgl. die bei de Grauwe 1999: 85 Anm. 37 genannte Literatur sowie Erämetsä 1970: 517). Die Kote (< finn. kota) bezieht sich aber nur auf das ursprüngliche Lappen- oder Samenzelt. Die von dem Norweger J. Anker 1929 entworfene, nach dem alten Wikingerschrift drake benannte Kieljacht begegnet jetzt auch in nl. draak / dt. Drachen / engl. dragon; die im Färöischen skuvur benannte Möwe findet sich auch, latinisiert als skua, im Nl. und Engl. (NODE).

Mit tetrapak haben wir die Grenze zu den Eponymen, d.h. zu den von Eigennamen abgeleiteten Gattungsnamen überschritten, so wie in Deutschland heute vielfach Nokia statt Handy gesagt wird; ähnlich gibt es auch Geonyme, z.B. das schon erwähnte geiser für 'Heißwasserquelle'. Eindeutige, lexikographisch inzwischen erfasste Fälle sind nl. de christiania, dt. der Kristiania (kurz für: der Kristianiaschwung im Skisport), nl. de lego / het lego (das bekannte Spielzeug; dazu legodoos, van Dale GWNT).(7) Den Übergang, wo noch das appellativische Hyperonym verdeutlichend als Zweitglied hinzugefügt wird, markiert auch nl. Tulikivi-kachel, dt. Tulikivi-Ofen, ein Ofen aus Speckstein, der von der finnischen Firma Tulikivi hergestellt wird. Außerdem sind hier zwei Sondergruppen zweigliedriger Internationalismen zu verzeichnen, deren Erstglied in geo- bzw. ethnographischer Referenz entweder ein kompositionelles Bestimmungswort (meistens ein Stadtname, seltener eine Einwohnerbezeichnung) oder aber ein entsprechendes Adjektiv ist. Ich möchte sie 'Verweiswörter' nennen, denn sie erinnern in ihrem ersten Bestandteil noch an Skandinavisches, ihr Bezug ist aber international (geworden): nl. Stockholmsyndroom (De Coster 1999: 609; auch engl. Stockholm syndrome: NODE), Oslo-confrontatie (ein Test, bei dem Zeugen durch eine einseitig verspiegelte Glaswand Verbrecher erkennen, De Coster 1999: 480a), Oslo-model (in der Weltdiplomatie, VN 11.9.1999, 31-33), Oslo-akkoorden / Oslo-proces (Nachrichten des flämischen Rundfunks VRT, 11.01.2001 bzw. 7.03.2001, unter Bezug auf den Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern, der durch Kontakte der Kontrahenten in Oslo gefördert wurde), dt. Helsinki-Gruppe (von Menschenrechtlern, FAZ 27.1.1987, 4), Allerødzeit (nl. -fase) 'späteiszeitliche Klimaschwankung' (Brockhaus 1, 386b; Summa 1, 292b); sodann Schwedenbombe (urspr. Warenname; in Österreich für norddt. Negerkuss, süddt. und schweiz. Mohrenkopf; Eichhoff 1978: 15f. und Karte 62), Schwedenhappen (eine Fischzubereitung), Schwedenrätsel = nl. Zweeds kruiswoordraadsel / Zweedse puzzel, Schwedenküche '(um die 60er Jahre übliche) Anbauküche' (DGW), Schwedenkragen (Kostümkunde) 'breiter, weich fallender Schulterkragen an Männerhemden der 30er Jahre des 17. Jh., meist reich mit Spitzen verziert' (Brockhaus 19, 625b), Finnendolch 'kurzes, breites, scharfes, dolchartiges Messer' (DGW), Norwegermuster (DGW) / -pulli (FAZ 8.8.2000, 43). Im Englischen stehen dafür Wortgruppen mit voraufgehendem Ländernamen: Iceland moss / lichen, poppy, spar; Norway lobster, maple, rat, spruce (alle NODE). Hierher gehören ferner Fälle mit skandinavischen Personennamen wie in nl. Thialfstadion im friesischen Heerenveen, benannt nach Thors schnellem Diener Thialf, nach dem auch viele Ruder- und Eislaufvereine heißen (Summa 19,142a), sowie the Sjögren syndrome / disease, nl. het syndroom / de ziekte van Sjögren (nach dem schwedischen Arzt Henrik Sjögren, 1899-1976), eine Krankheit, die besonders bei Frauen in der Menopause vorkommt. Eine epidemisch auftretende Infektionskrankheit, pleurodynia epidemica, ist in der (nl.) Alltagssprache unter dem Namen Bornholmse ziekte bekannt (Coëlho 1997: 97). Auf einem Ärztekongress in Paris Anfang Mai 2001 beschwerte sich die finnische Delegation darüber, dass schon drei finnische Orte den Namen für eine Krankheit abgeben, nämlich Sala, Kumlinge und Pogosta, und dass dies negativ auf das Image dieser Orte und Finnlands überhaupt abfärbe (DG 2.5.2001, 1 [!] = DSt 2.5.2001, 27). Und schließlich gibt es im Engl. und Nl. zahlreiche Wortgruppen mit einem spezifizierenden Adjektiv wie Swedish massage(8) / <hence> masseur/-euse, Danish blue (ein Käse), oil, pastry, Finnish Spitz (ein Hund)(9), nl. Finse tango, Fins tangoconcert(10), und nicht zu vergessen: das Beatles-Zitat im Titel.

Direkt oder indirekt - das Skandinavische ist in Westeuropa (und von dort ausgehend in aller Welt) präsenter, als man auf den ersten Blick denken würde, auch in jüngerer Ausprägung!


Anmerkungen

1 Ein aufrichtigstes Dankeswort an Daan Vandenhaute, Gudrun Rawoens, Klaas Willems, Ewein Maene und Torsten Leuschner (Universiteit Gent), an Marjo Pääskylä und Doris Wagner (Oulu) sowie an einen anonymen Gutachter von Linguistik online. Dieser Beitrag baut auf meinem früheren Aufsatz (de Grauwe 1999) auf, geht aber größtenteils darüber hinaus. [zurück]

2 Van Dale GWNT verzeichnet von dieser Reihe nur dieses Kompositum sowie saunabad, -huis, -inrichting; für das Deutsche verzeichnet DGW nur Saunabad und -tuch (zum letzteren siehe gleich). [zurück]

3 So wenigstens in der 1. Auflage (1976-1981) des DGW; die 2. und 3. Auflage (1993-1995 bzw. 1999) haben diese Sonderbedeutung unterdessen (nach Protest?) fallen lassen. [zurück]

4 So in Glossary of the Stammtisch Beau Fleuve: siehe www.plexoft.com/SBF/thumbtabs.html. Das Wort fehlt in den normalsprachlichen Worterbüchern des Englischen. [zurück]

5 Entsprechend bezeichnet die Autorin B. Raskin die heutige, aus Italien gebürtige belgische Königin Paola als "zonneprinses" (ebenda, Titel). [zurück]

6 Vgl. den Roman Das Schiff im Noor von Georg und Richard Precht (1999), der auf einer kleinen dänischen Insel spielt. [zurück]

7 Ein diesbezüglicher Artikel in DG 7/8.4.01, 21 schmiedet etwa folgende Komposita: Legosteentje(s), - bouwsteentje(s), -verhaal, -wereld, -vorm, -game(s) (< Eng.), -figuurtje(s), -stenen (Pl.), -speelgoed, -website (< Engl.). [zurück]

8 OED Suppl. IV, 666c, neben Swedish exercises, Swedish modern; 10 andere stehen bereits im OED X, 302a; Swedish massage auch im NODE (dort auch Swede saw). [zurück]

9 OED Suppl. I, 1079b 'a small, stocky breed of dog, with a coarse, reddish-brown coat' (seit 1930 belegt). [zurück]

10 So im "Programma 1/2001, maart-april" des Fins Cultureel Centrum (= Finnisches Kulturzentrum) in (B-) Antwerpen, S. 2; im Gegensatz dazu Argentijnse tango, so etwa im "Activiteitenkalender" des "vzw Polariteit", Jg. 13/1 (Jan.-April 2001) in (B-)Gent. [zurück]

Literaturverzeichnis

1. Zeitungen, Zeitschriften:

Classic FM (GB)

[DG =] De Gentenaar (B)

[DM =] De Morgen (B)

[DSp =] Der Spiegel (D)

[DSt =] De Standaard (B)

[FAZ =] Frankfurter Allgemeine Zeitung (D)

[GvA =] Gazet van Antwerpen (B)

Humo (B)

Job@ (B)

Knack Focus / Knack TV / Knack Weekend (B)

[SdL =] Standaard der Letteren (Literaturbeilage in DSt)

TV-Expres (B)

[VN = ]Vrij Nederland (NL)

2. Sonstige Literatur

Bergmann, Rolf (1995): "'Europäismus' und 'Internationalismus'. Zur lexikologischen Terminologie". Sprachwissenschaft 20/3: 239-277.

Bergmann, Rolf (2000): "Zum Problem der Produktivität europäischer Wortbildung im Deutschen". In: Habermann, Mechthild et al. (eds.) (2000): Wortschatz und Orthographie in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Horst Haider Munske zum 65. Geburtstag. Tübingen: 103-114.

Braun, Peter (ed.) (1979): Fremdwort-Diskussion. München.

[Brockhaus =] Brockhaus Enzyklopädie (1986-1994). 24 Bände. Mannheim.

Coëlho, Maurice Bernard (1997): Zakwoordenboek der Geneeskunde. 25e druk, geheel opnieuw bewerkt door A.A.F. Jochems en F.W.M.G. Joosten. Arnhem.

de Coster, Marc (1999): Woordenboek van neologismen. 25 jaar taalaanwinsten. Amsterdam / Antwerpen.

[van Dale GWNT =] van Dale Groot Woordenboek der Nederlandse Taal (1999). 13. Auflage, 3 Bände. Utrecht / Antwerpen.

[van Dale N-Z =] van Dale Handwoordenboek Nederlands-Zweeds (1996). Utrecht / Antwerpen / Stockholm.

[van Dale Z-N =] van Dale Handwoordenboek Zweeds-Nederlands (1996). Utrecht / Antwerpen / Stockholm.

[DGW =] Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache (1999). 3. Auflage. 10 Bände. Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich.

[Duden 5 =] Duden. Das Fremdwörterbuch (1997). 6. Aufl. (= Duden Band 5.) Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich.

Eichhoff, Jürgen (1978): Wortatlas der deutschen Umgangssprachen. 2. Band. Bern / München.

Ekselius, Eva (1996): Andas fram mitt ansikte. Om den mytiska och djuppsykologiska strukturen hos Per Olov Enquist. Stockholm / Stehag.

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Linguistik online 8, 1/01

ISSN 1615-3014