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Sprechaktbedingungen und bedingte Sprechakte:
Pragmatische Konditionalsätze im Deutschen

Karin Pittner  (Bochum)


Einleitung

Gespräche sind komplexe Formen sprachlichen Handelns, das sich unter bestimmten Bedingungen vollzieht und häufig von den Sprecher/inne/n auch kommentiert wird. Diese metakommunikativen Kommentare treten in sehr unterschiedliche Formen und Funktionen auf. In diesem Aufsatz werden Kommentare in der Form von Konditionalsätzen untersucht, mit denen die Sprecher/innen die Voraussetzungen unterschiedlicher Aspekte ihrer Äußerungen kommentieren.

Konditionalsätze enthalten Bedingungen oder Voraussetzungen, die sich meist auf die Proposition des Matrixsatzes beziehen. Sage ich wenn es regnet, geht sie spazieren, so gilt die Proposition des Matrixsatzes unter der im konditionalen Nebensatz angegebenen Bedingung. Nicht alle Konditionalsätze beziehen sich jedoch auf die Proposition: In dem Satz Wo bist du denn gewesen, wenn ich fragen darf? bezieht sich der konditionale Nebensatz auf die Äußerung selber: d.h. der Sprecher suggeriert, daß er die Frage unter der Bedingung stellt, daß der Hörer ihm dazu die Erlaubnis gibt. Dabei kann der Bezug (ob auf die Proposition oder auf die Äußerung bezogen) auch durch die Wortstellung signalisiert werden, wie folgende Beispielpaare illustrieren (nach Handke 1984:10 und Faucher 1984:96):

(1) a. Wenn du mich brauchst, bin ich den ganzen Tag zu Hause. (propositionaler Bezug)

b. Wenn du mich brauchst, ich bin den ganzen Tag zu Hause. (Äußerungsbezug)

(2) a. Um ganz ehrlich zu sein, muß man eine gute Kinderstube gehabt haben. (propositionaler Bezug)

b. Um ganz ehrlich zu sein, man muß eine gute Kinderstube gehabt haben. (Äußerungsbezug)

Wie (2) zeigt, ist das Phänomen nicht auf Konditionalsätze beschränkt. Auch eine ganze Reihe von anderen Adverbialsatztypen, wie z.B. die Finalsätze können mit Äußerungsbezug auftreten (s. Pittner 1999 für einen Überblick über Adverbialsätze mit Sprechaktbezug).

In den Grammatiken des Deutschen werden die sprechaktbezogenen Adverbialsätze nur wenig berücksichtigt, Ausnahmen sind hier die Duden-Grammatik und Engel 1990. Erwähnt werden sie auch bei Zifonun et al. 1997:2290 unter der Bezeichnung "moduskommentierende wenn-Sätze". Die geringe Beachtung in den Grammatiken mag damit zusammenhängen, daß es sich in erster Linie um ein Phänomen der gesprochenen Sprache handelt. Es gibt jedoch einige Studien, die Konditionalsätze in gesprochener Sprache behandeln. Hier ist vor allem Günthner (1999) zu nennen, die die Funktionen von wenn-Sätzen im Vor-Vorfeld anhand eines Korpus gesprochener Sprache untersucht. Auer (2000) untersucht die Stellung von wenn-Sätzen in der geschriebenen und gesprochenen Sprache.

In diesem Aufsatz werden Konditionalsätze, die sich nicht auf die Proposition eines Satzes, sondern vielmehr auf den Äußerungsakt beziehen, unter dem Begriff "pragmatische Konditionalsätze" zusammengefaßt. Untersucht werden die syntaktischen Beziehungen dieser Konditionalsätze zu ihrem Bezugssatz und die Stellungsregularitäten. Im Mittelpunkt des Interesses soll die Frage stehen, inwiefern diese Konditionalsätze die Gültigkeit der Äußerung, auf die sie sich beziehen, einschränken oder ihre illokutionäre Kraft modifizieren. Außerdem soll eine Typologie dieser Konditionalsätze skizziert werden. Für diese Untersuchung wurde kein selbst erstelltes Korpus ausgewertet, sondern sie basiert auf der in der einschlägigen Literatur auftauchenden schriftlichen und mündlichen Belege.

Ich gehe - im Gegensatz zu Sweetser (1990) - davon aus, daß die Bedeutung der konditionalen Konjunktionen wenn und falls in pragmatischen Konditionalsätzen gegenüber den propositionalen Konditionalsätzen unverändert bleibt. Wenn man Konjunktionen als Funktoren mit zwei Argumenten auffaßt, dann lassen sich die unterschiedlichen Bezüge der Konjunktionen in den verschiedenen Verwendungsweisen durch unterschiedliche Argumente dieser Funktoren darstellen:

Propositionale Verwendungsweise: KONJ (p,q)

Sprechaktbezogene Verwendungsweise: KONJ (p, ILL (q))

Im folgenden wird sich jedoch zeigen, daß sich die pragmatischen Konditionalsätze auf sehr unterschiedliche Aspekte der Sprechhandlungen beziehen können.
 


2.1 Pragmatische Charakterisierungen


Pragmatische Konditionalsätze sind im Rahmen verschiedener Erklärungsansätze behandelt worden. Von einigen Autoren wird auf die Sprechaktregeln Searles Bezug genommen (Sadock 1978, Sweetser 1990), von anderen auf die Griceschen Konversationsmaximen (Sweetser 1990) oder auf die Relevanztheorie von Sperber/Wilson (Haegeman 1984). Diese Erklärungsansätze können jeweils nur einen Teilbereich der hier behandelten Konditionalsätze abdecken.

In einigen Aufsätzen werden pragmatische Konditionalsätze als Mittel gesehen, die illokutive Kraft einer Äußerung zu modifizieren. Dabei wird ihre Funktion generell in einer Abschwächung ("mitigation") gesehen (Fraser 1980, Holmes 1984).

Brown/Levinson (1978) nehmen an, daß Sprechakte meist gesichtsbedrohende Handlungen ("face threatening acts") darstellen, die das Image der Gesprächspartner in irgendeiner Weise in Gefahr bringen. Besonders deutlich ist dies natürlich bei direktiven Sprechakten, insbesondere Aufforderungen und Befehlen, die den Hörer in seiner Handlungsfreiheit und Ungestörtheit einschränken. Auch Kritik und Widerspruch gefährden das Selbstbild des Hörers und laufen seinem Wunsch nach Anerkennung zuwider. Goffman (1971:44) geht in einer einflußreichen Arbeit über die Techniken der Imagepflege sogar so weit, zu behaupten, "daß man mit jeder noch so trivialen oder allgemeinen Behauptung oder Mitteilung, die man freiwillig anbietet, sich und denen, die man anspricht, verpflichtet ist, und in gewissem Sinn bringt man jeden Anwesenden in Gefahr."

Daraus folgt, daß es oft sehr sinnvoll sein kann, seine Äußerungen in verschiedener Weise abzuschwächen, da man sie auf diese Weise für den Hörer akzeptabler machen kann. Genau hierin liegt eine wichtige Funktion der Sprechakt-Adverbiale, wie sie auch schon von verschiedenen Autoren (oft mit Bezug auf Konditionalsätze wie wenn ich richtig informiert bin, wenn Sie erlauben, wenn ich fragen darf etc.) beobachtet wurde. Brown/Levinson sehen in den entsprechenden if-Sätzen eine Art von "hedges", die als Höflichkeitsstrategie eingesetzt werden.

Insbesondere spielt dies bei denjenigen Sprechakten eine Rolle, die negative Reaktionen des Hörers erwarten lassen. Für diese spezielle Art der Abschwächung wird in der einschlägigen englischsprachigen Literatur der Begriff "mitigation" (Fraser 1980 und im Anschluß daran Holmes 1984) verwendet. Dabei wird durch diese Adverbialsätze insbesondere die illokutive Kraft einer Handlung (nicht jedoch der Illokutionstyp selber) modifiziert. Holmes (1984) spricht in diesem Zusammenhang von "downtoners" (abschwächenden Elementen), die vor allem bei Sprechakten, die die soziale Distanz vergrößern wie Befehle, aber auch bei Vorschlägen einer negativen Reaktion beim Hörer vorbeugen sollen, indem sie z.B. die direktive Komponente abschwächen und oft quasi die Erlaubnis des Hörers eingeholt wird. Allerdings wird sich bei einer genaueren Betrachtung der pragmatischen Konditionalsätze zeigen, daß ihre Funktion viel zu einseitig beurteilt wird. Sie dienen nämlich nur teilweise als "disclaimers" (Fraser 1980) bzw. "downtoners", die die ausgeführte Sprechhandlung abschwächen oder sie sogar widerrufen. Großteils bewirken sie gerade das Gegenteil, nämlich vorläufig gesprochen eine Verstärkung. Ihre Interpretation ist jedoch stark durch die Situation, insbesondere die gegenseitigen Verpflichtungen und Rechte der Beteiligten gesteuert, so daß sie in der Tat die Bezeichnung "pragmatische Adverbiale" verdienen.
 
 
 

2.2 Syntaktische Charakterisierungen


Bevor die verschiedenen Funktionen der pragmatischen Konditionalsätze dargestellt werden, sollen kurz einige ihrer syntaktischen Eigenschaften aufgezeigt werden.

Bisherige Untersuchungen betonen stets die geringe syntaktische Integration dieser Sätze in den Matrixsatz und ihren parentheseartigen Charakter. Wie die Beispiele oben schon gezeigt haben, können pragmatische Konditionalsätze oft nicht in den Matrixsatz integriert werden, indem sie zum Beispiel im Vorfeld des Matrixsatzes stehen, sondern sie stehen außerhalb der üblichen Satzstruktur vor dem Vorfeld.

Außerdem ist es nicht möglich, Sprechaktkonditionalsätze im Nachfeld mithilfe eines Korrelats in den Matrixsatz zu integrieren:

(3) *Wo bist du denn dann gewesen, wenn ich fragen darf? Das Korrelat zu extraponierten (im Nachfeld befindlichen) Adverbialsätzen bewirkt in erster Linie, daß die Information des Adverbialsatzes fokussiert, d.h. hervorgehoben wird (vgl. Pittner 1999). Gerade dies ist aber bei den pragmatischen Konditionalsätzen ausgeschlossen, da sie stets weniger wichtige Information enthalten. Sie enthalten nie den Hauptpunkt, den die SprecherIn "herüberbringen" will, sondern haben eine eher unterstützende Funktion, indem sie das Gelingen der Äußerung in verschiedener Weise sichern helfen sollen.
 

3. Funktionen der pragmatischen Konditionalsätze

 

3.1 Relevanzkonditionalsätze


Für Konditionalsätze, die angeben, unter welchen Bedingungen die Äußerung des Matrixsatzes relevant ist, hat sich die Bezeichnung Relevanzkonditionalsätze durchgesetzt (cf. Johnson-Laird 1986). Die Grammatikalitätsurteile im folgenden beziehen sich jeweils auf die sprechaktbezogene Lesart der Konditionalsätze.

(4) a. Wenn du Hunger hast, der Kühlschrank ist voll.

b. *Wenn du Hunger hast, ist der Kühlschrank voll.

c. *Wenn du Hunger hast, dann ist der Kühlschrank voll.

d. *Der Kühlschrank ist dann voll, wenn du Hunger hast.

(5) a. Im Hof gibt es auch Parkplätze, wenn jemand unbedingt seinen Führerschein riskieren will. (Text einer Einladung)

b. ??Wenn jemand unbedingt seinen Führerschein riskieren will, gibt es im Hof auch Parkplätze.

c. ??Wenn jemand unbedingt seinen Führerschein riskieren will, dann gibt es im Hof auch Parkplätze.

d. *Im Hof gibt es dann Parkplätze, wenn jemand unbedingt seinen Führerschein riskieren will.

Dieser Typ kann nicht-integriert auftreten, doch nicht im Vorfeld stehen (4b und 5b). Linksversetzung ist unmöglich (4c und 5), ebenso wie ein Korrelat im Matrixsatz wie in (4d) und (5d). Bei einer Vorfeldstellung dieses Typs in (4) wäre nur noch eine Interpretation im Sinne eines Tischlein-Deck-Dich möglich, der Konditionalsatz könnte nur noch mit Propositionsbezug interpretiert werden. Die Matrixproposition gilt hier unabhängig davon, ob die Proposition des Konditionalsatzes zutreffend ist oder nicht (wenn ~p, q). Auch eine Realisierung als Verberstsatz ist für diesen Konditionaltyp möglich, eine Vorfeldstellung doch auch hier ausgeschlossen: (6) Sollten Sie Schmerzen haben, ich schreibe Ihnen diese Tabletten auf. (Hörbeleg) Bei einem Relevanzkonditional liegt dagegen lediglich eine Art von Interpretationshilfe für den Hörer vor. Ihm wird klargemacht, daß die Relevanzmaxime vom Sprecher beachtet wird. Der Sprecher versichert sich damit quasi gegen die Vermutung eines Verstoßes dagegen, etwa gegen Warum sagst du mir das? oder Was soll denn das in diesem Zusammenhang?
 

3.2 Illokutionskraftmodifizierende Konditionalsätze


Anders verhält sich dagegen der Typ wenn ich fragen darf, wenn ich das bemerken darf u.ä., der bei Takami (1988) nicht von dem Relevanzkonditional unterschieden wird. Diese Sätze unterscheiden sich von Relevanzkonditionalen zum einen durch ihren expliziten Bezug auf die Illokution, zum anderen dadurch, daß sie die Illokutionskraft abschwächen oder, wie wir sehen werden, verstärken.

(7) a. Wenn ich das bemerken darf, er ist nicht sehr intelligent.

b. ??Wenn ich das bemerken darf, ist er nicht sehr intelligent.

c. Wenn ich das bemerken darf, ?dann/so ist er nicht sehr intelligent.

d. *Er ist dann nicht sehr intelligent, wenn ich das bemerken darf.

Auch dieser Typ kann nicht-integriert auftreten und seine Vorfeldstellung scheint nicht völlig akzeptabel, doch wesentlich besser als die eines Relevanzkonditionals. Dieser Unterschied ist wohl vor allem darauf zurückzuführen, daß durch den expliziten Bezug auf den Sprechakt eine propositionale Interpretation ausgeschlossen ist. Sätze wie (7b) mögen nicht besonders elegant oder grammatisch wirken, sie bleiben jedoch interpretierbar. Sätze mit einem Relevanzkonditional im Vorfeld dagegen lassen nur noch eine propositionale Interpretation zu. Linksversetzung ist möglich (eventuell nur mit so), aber ein Korrelat für einen extraponierten Satz kann nicht auftreten. Wie beim Relevanzkonditional, so ist auch hier die Matrixproposition vom Zutreffen der Konditionalproposition völlig unabhängig. Auch hier gilt also wenn ~p, q. Suggeriert wird, daß wenn ~p, ~ILL (q) gilt.

Aber auch aufgrund seiner pragmatischen Funktion muß dieser Typ von den Relevanzkonditionalen unterschieden werden. Während das Relevanzkonditional eine beinahe beliebige Proposition enthalten kann (da fast alle denkbaren Situationen irgendeine Äußerung relevant machen können), ist der Typ wenn ich das bemerken darf auf Propositionen, die die Wünsche des Hörers zum Thema haben, eingeschränkt.

(8) a. wenn ich fragen darf, das bemerken darf, wenn Sie meine Meinung hören wollen

b. wenn Sie erlauben/gestatten/nichts dagegen haben/es Ihnen recht ist

c. wenn Sie so nett sind (nur mit direktiven Sprechakten)

d. wenn sie es unbedingt/absolut wissen wollen:

Der Sprecher holt sich quasi die Erlaubnis des Hörers für seine Äußerung oder suggieriert dies zumindest. Fraser (1980) rechnet sie zu den "disclaimers", mit denen der Sprecher die illokutive Kraft seiner Äußerung abschwächt. Seinen Beobachtungen zufolge treten sie typischerweise mit direktiven Sprechakten auf, wobei sie der Vermeidung negativer Reaktionen beim Hörer dienen ("mitigation"). Sie können aber auch mit anderen Sprechakten, wie z.B. Vorschlägen, auftreten. (9) Ich komme morgen um 3 Uhr bei dir vorbei, wenn es dir recht ist/du nichts dagegen hast. Teilweise geht dieser Typ stark in Richtung einer Höflichkeitsfloskel. Er gibt eine (oft nur scheinbare) Bedingung an, unter der ein Sprechakt vollzogen wird. Dem Hörer wird signalisiert, daß wenn ~p, ~ILL(q) gilt. Sweetser (1990: 118) geht daher davon aus, daß diese Sprechhandlungen nur "bedingt" ausgeführt werden. Zu recht wendet sich jedoch Günthner (1999:218) gegen eine solche Auffassung: "Die betreffende Sprechhandlung [ ...] wird sehr wohl durchgeführt, auch wenn sie - im Zuge bestimmter Höflichkeitsregeln - als von der Erlaubnis des Gegenüber abhängig präsentiert wird. Der Sprecher wartet weder auf die Erlaubnis, noch klagt er sie im Falle des Ausbleibens ein." Schon das scheinbare Eröffnen von Optionen gilt als Höflichkeit. Im Rahmen der Illokutionslogik (Searle/Vanderveken 1985, Rolf 1997) ließe sich noch präzisieren, was hier modifiziert wird, nämlich der Durchsetzungsmodus der Illokution.

Eine nicht-integrierte Stellung dieses Konditionaltyps läßt ihn zur Farce verkommen:

(10) *Wenn du nichts dagegen hast, ich komme morgen. Die nicht-integrierte Stellung signalisiert hier unbedingte Gültigkeit der Matrixsatzproposition, so daß die "Höflichkeitsfloskel" jeden Sinn verliert. Allerdings deutet die Unmöglichkeit des Auftretens vor dem Vorfeld darauf hin, daß eben doch auch noch ein propositionaler Bezug vorliegt. Dies zeigt sich auch darin, daß eine Fokussierung dieses Typs mithilfe eines Korrelats nicht ausgeschlossen ist: (11) Ich komme nur dann morgen um 3 Uhr bei dir vorbei, wenn es dir recht ist. Je mehr die Bedingung defokussiert wird und damit in den Hintergrund rückt, umso mehr nimmt sie den Charakter einer Höflichkeitsfloskel an. Dies gilt vor allem für Sätze wie in (8b), die stark formelhaft sind.

Allerdings können diese Konditionalsätze in bestimmten Situationen weniger eine Abschwächung, als beinahe gerade das Gegenteil ausdrücken. Mit einem Satz wie

(12) Wo bist du denn gewesen, wenn ich fragen darf? weist der Sprecher vielmehr häufig geradezu auf sein Recht hin, diese Frage zu stellen. Hier kommt es für die Interpretation (ob es sich um eine Abschwächung oder eine Verstärkung handelt), ganz auf die Situation an. Sagt dies z.B. eine Mutter zu ihrem noch nicht erwachsenen Sohn oder ein Mann zu seiner Frau, so hat der Konditionalsatz nichts Abschwächendes an sich. Die Interpretation dieser Sätze kann also stark von den Rechten und Pflichten der Beteiligten gegeneinander abhängen. Wenn man die "Höflichkeitsformel" von Brown/Levinson (1978) heranzieht, so läßt sich anhand der drei Parameter "Macht", "Distanz" und "Zumutung des jeweiligen Sprechakts" bestimmen, ob eine Illokutionskraftmodifizierung als Abschwächung oder im Gegenteil als Verstärkung interpretiert wird: je ausgeprägter die "Machtstellung" des/r Hörenden, je größer die Distanz und je größer die "Zumutung", umso eher wird der Konditionalsatz als Abschwächung interpretiert werden. Umgekehrt wird bei geringer "Macht" des/r Hörenden, geringer Distanz und geringer Zumutung der Konditionalsatz eher als Verstärkung aufgefaßt werden.
 

3.3 Einstellungskommentierende Konditionalsätze


Damit sind aber längst noch nicht alle Funktionen der illokutiven Konditionalsätze abgedeckt. Einige Konditionalsätze drücken eine Sprechereinstellung aus, teilweise kombiniert mit dem Einholen einer Erlaubnis:

(13) a. Wenn ich ganz ehrlich bin: ich habe keinen anderen Wunsch als den, schreiben zu können. (Beleg bei Faucher 1984:97)

b. Wenn ich es offen sagen darf, halte ich das Ganze für einen Schwindel.

Auch hier ist die integrierte Stellung durchaus möglich, da durch die explizite Thematisierung der Sprechereinstellung die Gefahr einer Fehlinterpretation mit propositionalem Bezug weitgehend ausgeschaltet ist. Die Äußerung wird unter der Bedingung vollzogen, daß der Sprecher die genannte Einstellung an den Tag legt. Wäre er weniger ehrlich oder offen, so würde er diese Äußerung vielleicht unterlassen. In keinem Fall gilt jedoch wenn ~p, ~q, sondern eben allenfalls wenn ~p, ~ILL (q). Provisorisch können die Konditionalsätze, die eine Sprechereinstellung bezeichnen, daher den sprechaktbezogenen Konditionalsätzen zugerechnet werden. Für die sprechaktbezogenen Konditionalsätze gilt die Formel: (14) WENN (p, ILL (q)) Anzumerken ist noch, daß die bezeichnete Eigenschaft jeweils eine positiv bewertete sein muß (*wenn ich unehrlich bin). Mit dieser positiven Haltung versucht der Sprecher seine Äußerung zu begründen, die häufig etwas enthält, das eventuell gegen Höflichkeitskonventionen verstößt und das man daher nicht unter allen Umständen sagen würde.
 

3.4 Formulierungskommentierende Konditionalsätze


Eingangs wurde schon erwähnt, daß nicht immer der Sprechakt als solcher als konditionaler Sprechakt dargestellt wird (d.h. als einer, der nur unter einer bestimmten Bedingung ausgeführt wird). Ein Konditionalsatz mit Äußerungsbezug kann auch die gewählte Formulierung kommentieren. Dabei kann er sich auf den ganzen Satz oder auch nur einzelne Ausdrücke beziehen und diese als unter einer bestimmten Bedingung gewählt kennzeichnen.

(15) a. Es geht ihm gut, wenn ich nur das Wichtigste mitteilen soll.

b. Er konnte sich gewissermaßen im Gleitflug bis zur endgültigen Landung in der Luft halten, wenn der Vergleich paßt. (Beispiel bei Hermodsson 1978:51)

c. Wenn wir heute über Kant hinaus sind, wenn ich das so kühn sagen darf, dann ist das auch ein wenig das Resultat der langjährigen Arbeit dieser Forschungsstelle. (Beleg bei Niehüser 1987:170)

d. Die Auseinandersetzung (falls man dieses seriöse Wort dafür verwenden mag), wurde durch die, wie es so flott heißt, "Nazivergangenheit" der Autorin ausgelöst. (tz 29.10.93, 8)

e. Die Euro-Skepsis der Parteiführung, falls der Euphemismus noch erlaubt ist, bedient sich der mildernden Camouflage. (Zeit Nr. 12, 15. März 1996, 13)

Zur pragmatischen Funktion der formulierungskommentierenden Adverbiale bemerkt Niehüser: "Die Verwendung redecharakterisierender Adverbiale wird gesteuert von Annahmen des Sprechers über Erwartungen des Hörers an die Gestalt des eigenen Redebeitrags." (1987:62) Ihre Funktion sieht er letztlich darin, einer eventuellen Kritik des Hörers vorzugreifen, etwa nach dem Motto "kritisiere dich selbst, bevor es ein anderer tut": "Explizite Redecharakterisierungen werden vorrangig verwendet im Hinblick auf eine als möglich angenommene Hörerkritik."

Hier gilt die Proposition unabhängig von der Bedingung, lediglich würde man sie unter anderen Bedingungen vielleicht anders formulieren. Auf keinen Fall gilt wenn ~p, ~q, sondern wenn/falls ~p, ~Ausdruck von q. Allerdings ist es keinesfalls leicht, zwischen einer Proposition (die ja im Prinzip durch eine logische Darstellung weitgehend sprachunabhängig darstellbar sein sollte) und ihrem Ausdruck zu unterscheiden. In diesen Zusammenhang scheinen mir auch Beispiele wie die folgenden zu gehören:

(16) a. Wenn Peter intelligent ist, ist Hans ein Genie.

b. Wenn ich als Maler schlecht war, war ich als Bildhauer eine Katastrophe.

Hier ist in gewissem Sinn eine Abhängigkeit des Urteils ausgedrückt. Man könnte (a) paraphrasieren als 'wenn man Peter intelligent nennt/für intelligent hält, muß man Hans ein Genie nennen/für ein Genie halten'. Urteil q (der Matrixsatz) gilt unter der Voraussetzung, daß Urteil p gilt. Urteil und gewählter Ausdruck hängen eng zusammen, so daß es hier fließende Grenzen zum ausdrucksbezogenen Gebrauch gibt.

3.5 Aufmerksamkeitssteuernde und diskursstrukturierende Konditionalsätze

Dieser Typ hat vor allem die Funktion, die Aufmerksamkeit des Hörers in eine bestimmte Richtung zu lenken, z.B. auf etwas vorher Gesagtes, wie etwa in wenn Sie sich daran erinnern, wenn wir jetzt noch mal an den Anfang zurückgehen u.ä. Neben der Lenkung der Aufmerksamkeit des Hörers kann dieser Typ auch die Funktion haben, daß der Sprecher sich mit ihrem Gebrauch gegen Vorwürfe des Verstoßes gegen die Quantitätsmaxime versichert, etwa derart, daß er das ja schon einmal gesagt hat und eine Wiederholung überflüssig ist. Unter diesem Gesichtspunkt kann man darin eine bestimmte Form des Relevanzkonditionals sehen, das die Relevanz einer scheinbar irrelevanten (da schon einmal gemachten Aussage) damit begründet, daß man die Aufmerksamkeit des Hörers darauf lenken will und ihm etwas, das er eigentlich schon weiß, in Erinnerung rufen will. Im Gegensatz zu einem reinen Relevanzkonditional tritt dieser Typ jedoch sehr häufig linksversetzt mit dem Korrelat so auf:

(17) Wenn Sie sich daran erinnern, so haben wir diesen Terminus anfangs wie folgt definiert:... Diese aufmerksamkeitssteuernden Konditionalsätze verweisen häufig auch auf das Thema der folgenden Äußerung und sind dann im Grunde als eine Form des "Freien Themas" aufzufassen (s. Altmann 1981, Scheutz 1997). Günthner (1999) weist daher auch auf die diskursstrukturierende Funktion dieses Typs von Konditionalsätzen hin. Eine eingehende Untersuchung, in welcher Weise diese Konditionalsätze genau zur "Themensteuerung" verwendet werden, ob sie z.B. ein völlig neues Thema einführen oder die Aufmerksamkeit auf etwas lenken, das im bisherigen Diskurs schon erwähnt wurde, steht noch aus. Da auch "Freie Themen" nur an der linken Satzperipherie auftauchen, verwundert es nicht weiter, daß dies auch für diesen Typ von Konditionalsätzen gilt.
 
 
 

4. Zusammenfassung der Ergebnisse


Konditionale Konjunktionen stellen wie andere adverbiale Konjunktionen zweistellige Relationen her, und zwar meist zwischen zwei Propositionen, Bei den sprechaktbezogenen Konditionalsätzen ist ein Argument der zweistelligen Relation nicht eine Proposition, sondern die Illokution oder ein Ausdruck innerhalb des Äußerungsaktes.

Die sprechaktbezogenen Konditionalsätze haben stets eine subsidiäre, unterstützende Funktion. Sie helfen auf verschiedene Weisen, das Gelingen der Sprechhandlung sicherzustellen. Syntaktisch spiegelt sich das in ihrer meist eher lockeren Anbindung an den "Matrixsatz" und der Unmöglichkeit, sie durch ein kataphorisches Korrelat dann zu integrieren und damit zu fokussieren.

In diesem Aufsatz wurde eine Typologie der pragmatischen Konditionalsätze entworfen. Bei der Untersuchung der einzelnen Typen zeigte sich, daß hier auch jeweils unterschiedliche Stellungsregeln zu beobachten sind. Während Relevanzkonditionale fast ausschließlich im Vor-Vorfeld auftreten und nicht im Vorfeld auftreten können, ist dies für illokutionskraftmodifizierende Konditionalsätze durchaus üblich. Dieser Unterschied scheint dadurch bedingt zu sein, daß Relevanzkonditionale bei einer Stellung im Vorfeld nur mit Bezug auf die Matrixproposition interpretiert werden können. Durch den expliziten Bezug auf die Sprechhandlung ist ein Bezug auf die Proposition bei illokutionskraftbezogenen Konditionalsätzen nicht möglich.

Eine Stellung des Konditionalsatzes im Vor-Vorfeld signalisiert die vom Konditionalsatz unabhängige Gültigkeit der Matrixproposition. Dies zeigt sich bei denjenigen Konditionalsätzen, die häufig als eine Art Höflichkeitsfloskel benützt werden und dem Hörer (tatsächliche oder scheinbare) Optionen signalisieren. Ihre Funktion als Höflichkeitsfloskel können sie in Vor-Vorfeldstellung nicht ausüben, da die Matrixproposition auf jeden Fall gälte und damit dem Hörer keine (und wenn auch nur scheinbare) Optionen eröffnet würden.

Da einstellungskommentierende Konditionalsätze explizit Bezug auf eine Einstellung der Sprechers nehmen, ist in der Regel keine Verwechslungsmöglichkeit mit einem propositionalen Konditionalsatz gegeben, so daß auch hier die Vorfeldstellung möglich ist.

Für formulierungskommentierende Konditionalsätze, die sich in der Regel auf einzelne Ausdrücke beziehen und die Akzeptanz der Ausdrucksweise sichern helfen sollen, gilt, daß sie direkt bei dem kommentierten Ausdruck stehen müssen, da ihr Bezug sonst nicht richtig herzustellen ist. Damit weist dieser Typ von Konditionalsätzen die Stellungsregeln auf, die für formulierungskommentierende Parenthesen generell gelten (vgl. Pittner 1995).

Für aufmerksamkeitssteuernde Konditionalsätze ist die Stellung vor dem Vorfeld bzw. als linksversetzter Ausdruck gut möglich und scheint aufgrund der Funktion dieser Sätze auch die einzig sinnvolle Position zu sein.

Anhand der berücksichtigten Untersuchungen und der gesichteten Belege läßt sich beobachten, daß Relevanzkonditionale und illokutionskraftmodifizierende Konditionalsätze eher in mündlicher, formulierungskommentierende Konditionalsätze dagegen eher in schriftlicher Kommunikation verwendet werden. Diese Beobachtung müßte jedoch noch durch Untersuchungen von Korpora gesprochener und geschriebener Sprache überprüft werden. Erweist sie sich als zutreffend, so lassen sich daraus Schlußfolgerungen über die Mechanismen der Akzeptanz- und Verständnissicherung in mündlicher und schriftlicher Kommunikation ziehen.
 

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